Düngeverordnung 2020: Die heimische Landwirtschaft muss die Fehler der Bundesregierung ausbaden

Die geplante erneute Verschärfung der Düngeverordnung ist einer der Anlässe für die derzeitigen Bauernproteste. Weil das deutsche Grundwasser zu sehr mit Nitrat belastet sei, müsse Deutschland massiv nachsteuern. Für tausende Landwirte könnten die im Raum stehenden Anpassungen den Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz bedeuten. Zeit für einen genaueren Blick.

Exkurs: Nitrateintrag ins Grundwasser

Grundsätzlich wird der Nitrateintrag ins Grundwasser von der Bodenspeicherkapazität für Nährstoffe und den Niederschlägen bestimmt. Weil Nitrat im Bodenwasser gelöst ist, kann es nur mit der Bewegung des Wassers verlagert werden. Die Voraussetzung für die Nitratauswaschung ins Grundwasser ist also, dass mehr Niederschlag als Verdunstung vorhanden ist. Verdunstet umgekehrt mehr Wasser als über Niederschlag nachkommt, dann bewegt sich das Bodenwasser von unten nach oben. Die Nährstoffspeicherkapazität wiederum hängt von vielen Faktoren, wie beispielsweise Bodenart, Feldkapazität, effektive Durchwurzelungstiefe, Humusgehalt und pH-Wert, ab. Es ist schwer pauschale Aussagen zu treffen, weil jeder Boden anders ist. Auf jeden Fall werden in den oberen Bodenschichten dadurch Nährstoffe gebunden. In den tieferen Bodenschichten findet Denitrifikation statt und Stickstoff wird ausgegast.

Wird in der Landwirtschaft gedüngt, dann landet ein Teil des ausgebrachten Nitrats in der Pflanze, ein Teil wird ausgegast und ein Teil wird im Boden gespeichert. Nur der übriggebliebene Teil kann nun ausgewaschen werden, aber auch nur, wenn mehr Niederschlag als Verdunstung vorherrscht. Der Rest dieser Nitratauswaschung, der dann nicht denitrifiziert wird, gelangt in das Grundwasser. Der Mensch kann also diese Nitratauswaschung nur über den Pflanzenbewuchs und den Humusgehalt des Bodens aktiv beeinflussen[1].

Hintergrund

Mit Urteil vom 21. Juni 2018 hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) festgestellt, dass Deutschland gegen seine Verpflichtungen der EU-Nitratrichtlinie verstoßen hat, indem keine zusätzlichen Maßnahmen oder verstärkte Aktionen getroffen wurden, sobald deutlich wurde, dass die Maßnahmen des deutschen Aktionsprogramms, d.h. der Düngeverordnung, nicht ausreichten[2]. Deutschland hätte die Düngeverordnung überarbeiten müssen. Allerdings konnte die Novelle der Düngeverordnung von 2017 NICHT mehrvom Gerichtshof berücksichtigt werden[3]. Dabei wurden mit dieser Novelle nun alle in der EU-Nitratrichtlinie aufgelisteten Regeln der guten fachlichen Praxis in der Landwirtschaft sowie die in die jeweiligen nationalen Aktionsprogramme aufzunehmenden Maßnahmen endgültig umgesetzt. Wie ich bereits in meinem anderen Artikel zu dem Thema aufgezeigt habe, wäre die geplante erneute Verschärfung der Düngeverordnung deshalb entgegen der Behauptung der Bundesregierung nicht nötig.

Referentenentwurf zur Änderung der Düngeverordnung

Der von der EU-Kommission freigegebene Referentenentwurf der Bundesregierung zur Änderung der Düngeverordnung und anderer Vorschriften wurde am 20. Februar 2020 dem Bundesrat zugeleitet. Dem Bundesrat bleiben nun sechs Wochen Zeit, um dazu Stellung zu nehmen. Vorgesehen ist, dass der Entwurf am 3. April 2020 im Bundesrat abgestimmt wird. Nach Zustimmung durch den Bundesrat sollen die Änderungen der Düngeverordnung noch im April 2020 in Kraft treten.

Bundesweite Maßnahmen:

Um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen, werde ich im Folgenden nur auf die einschneidendsten Änderungen der Düngeverordnung eingehen.

1. Hangneigung

Die Regeln der guten fachlichen Praxis in der Landwirtschaft in der EU-Nitratrichtlinie sieht vor, dass die Aktionsprogramme, d.h. die Düngeverordnung, Bestimmungen für das Ausbringen von Düngemitteln auf stark geneigten landwirtschaftlichen Flächen enthalten sollen. Die derzeit geltende Düngeverordnung enthält in §5 Absatz 2 und 3 bereits Abstandsauflagen zu Gewässern. Wozu es einer weiteren Verschärfung bedarf, erschließt sich deshalb nicht.

Neu ist, dass sich der Gewässerabstand ohne Düngung ab einer Hangneigung von 5% auf 3 Meter und ab einer Hangneigung von 15% auf 10 Meter erhöht. Die bereits geltenden Einarbeitungsregeln sollen jetzt bereits ab 5% Hangneigung greifen. Außerdem müssen die Düngegaben ab einer Hangneigung von 10% verpflichtend aufgeteilt werden, wenn der Düngebedarf mehr als 80 kg N/ha beträgt. Es stellt sich generell die Frage, wie die landwirtschaftlichen Betriebe und die Verwaltungen diese Regulierung kontrollieren sollen? Wie soll die Hangneigung gemessen werden? Hier werden große Teile der landwirtschaftlichen Flächen indirekt aus der Produktion genommen. Nur noch die Anlage von Blühstreifen wäre ohne Düngung denkbar. Das ist fachlich nicht zu begründen.

2. Verkürzung der Einarbeitungszeit für flüssige Wirtschaftsdünger bei der Aufbringung auf unbestelltes Ackerland auf eine Stunde ab 01.02.2025

Aus fachlicher Perspektive erscheint die derzeitige Einarbeitungszeit von harnstoffhaltigen Düngemitteln innerhalb von vier Stunden bereits sehr anspruchsvoll. Eine Verkürzung auf eine Stunde erscheint daher praktisch eher nicht möglich. Besonders prekär erscheint aber, dass die Einarbeitungsverpflichtung innerhalb einer Stunde ab 2025 nun auch für Ammoniumnitrat-Harnstoff-Lösung (AHL) gelten soll, soweit ihm kein Ureasehemmstoff zugegeben ist. Da AHL zur Blattdüngung i.d.R. zusammen mit Pflanzenschutzmitteln ausgebracht wird, um Synergieffekte zu erzeugen, würde in der guten fachlichen Praxis eine Einarbeitung innerhalb einer Stunde daher keinen Sinn ergeben. Es würde also aufgrund des zusätzlichen Ureasehemmstoffs zu einer Erhöhung der Düngemittelkosten für den Betrieb kommen.

Maßnahmen in den besonders mit Nitrat belasteten Gebieten:

1. Verringerung des Düngebedarfs um 20%

Der Düngebedarf soll im Durchschnitt der Flächen des Betriebes, die dieser in besonders nitratbelasteten Gebieten bewirtschaftet um 20 Prozent verringert werden. Das ist fachlich schwer nachzuvollziehen. Der Humusaufbau und die damit verbundene CO2-Bindung kann nur durch ein ausgewogenes C/N-Verhältnis erreicht werden. Umso enger das C/N-Verhältnis ist, d.h. umso höher der N-Gehalt, desto nährstoffreicher und fruchtbarer sind die Böden. Ein weites C/N-Verhältnis, d.h. geringe N-Gehalte, desto geringer ist die biologische Aktivität in den Böden. Eine hohe biologische Aktivität ist aber wichtig, da die Bodenorganismen ansonsten in ihrer Mineralisationstätigkeit eingeschränkt sind. Auch auf die Stickstoffsalden (N-Salden) hat die Verringerung des Düngebedarfs um 20% kaum einen Effekt. Im Gegenteil wird es dadurch eher zu negativen N-Bilanzen kommen, da dem Boden langfristig mehr Stickstoff entnommen als zugeführt wird. Je länger diese Unterdüngung betrieben wird, desto mehr Stickstoff wird dem Boden langfristig entnommen und steht der Pflanzenernährung im folgenden Jahr nicht mehr zur Verfügung. Durch das daraus resultierende verminderte Wurzelwachstum der Pflanzen kommt es außerdem zu Humusabbau[4]. Diese Maßnahme verhindert also langfristig betrachtet nicht nur den Humusaufbau der Böden in den „roten Gebieten“, sondern führt auch zum Abbau von bereits vorhandenem Humus. Das würde klar dem §13 Absatz 1 der Düngeverordnung widersprechen, nach dem die Fruchtbarkeit des Bodens nicht gefährdet werden darf[5].

Dazu kommen dann die ökonomischen Folgen für die betroffenen landwirtschaftlichen Betriebe. Durch den aus der Unterdüngung folgenden Stickstoffmangel würde der Anbau von Gemüse und Qualitätsgetreide unmöglich werden. Lediglich der Anbau von Futterweizen wäre noch möglich.

Auffällig ist das „Hintertürchen“, welches die Bundesregierung für den ökologischen Landbau bei dieser Auflage installiert hat. Denn es sind Ausnahmen für gewässerschonend wirtschaftende Betriebe, die weniger als 160 kg Gesamtstickstoff je Hektar und davon nicht mehr als 80 kg Gesamtstickstoff je Hektar in Form von mineralischen Düngemitteln aufbringen, vorgesehen. Ist das vielleicht ein Versuch der Bundesregierung über Ordnungsrecht ihr Ziel zu erreichen, dass im Jahr 2030 mindestens 20 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe ökologisch bewirtschaftet werden? Ein Schelm wer böses denkt!

2. Verbot der Herbstdüngung

Die Herbstdüngung von Winterraps und Wintergerste sowie von Zwischenfrüchten ohne Futternutzung soll verboten werden. Eine Ausnahme soll es nur für Winterraps geben, wenn durch eine Bodenprobe nachgewiesen wird, dass die verfügbare Stickstoffmenge im Boden unter 45 kg Stickstoff je Hektar liegt. Völlig offen lässt der Entwurf allerdings bei dieser Ausnahme, zu welchen Zeitpunkt die Probennahme und in welcher Tiefe diese erfolgen soll.

Zwischenfrüchte, Winterraps und Wintergerste nehmen im Herbst noch Stickstoff auf. Die Herbstdüngung sorgt für ein rasche Bodenbedeckung und verhindert dadurch das Auflaufen von Unkräutern im Herbst. Ein Düngeverbot würde die Erosion im Winter und die Unkrautunterdrückung gefährden. Eine bedarfsgerechte Düngung ist also wichtig zur Förderung des Bodenlebens und für den Humusaufbau[6]. Weniger Humus bedeutet aber automatisch, dass die Nährstoffspeicherfähigkeit des Bodens zurückgeht und es in Folge zu mehr Nitratauswaschung ins Grundwasser käme. Ein elementarer Zielkonflikt und ein Widerspruch zur guten fachlichen Praxis!

3. Stickstoffdüngung bei Kulturen mit einer Aussaat nach dem 1. Februar

Die Stickstoffdüngung bei Kulturen mit einer Aussaat oder Pflanzung nach dem 1. Februar soll nur noch erlaubt sein, wenn auf der betroffenen Fläche im Herbst des Vorjahres eine Zwischenfrucht angebaut wurde. Ausnahmen soll es nur bei spät geernteter Vorfrucht im Herbst und in besonders trockenen Gebieten geben. Das kommt einer Pflicht des Zwischenfruchtanbaus für Sommergetreide, Hackfrüchte und Sommergemüse gleich.

4. Verlängerung der Sperrfrist für Grünland

Die Sperrfrist für die Düngung von Grünland soll um vier Wochen verlängert werden. Derzeit gilt diese vom 1. November bis 31. Januar, soll aber nun vom 1. Oktober bis 31. Januar greifen. Die Verlängerung der Sperrfrist um vier Wochen führt zu logistischen Schwierigkeiten für die Landwirte. Falls die Gülleausbringung auf Grünland bis zum 01. Oktober nicht durchgeführt wird, muss sie bis zum Frühjahr gelagert werden. Entweder erhöht sich dadurch die Gülle-Lagerkapazität oder die Gülle muss über weite Strecken in andere Gebiete transportiert werden („Gülle-Tourismus“). Beides ist mit zusätzlichen Kosten für den Landwirt verbunden. Insbesondere Nebenerwerbs-Landwirte, die immerhin mehr als 50 Prozent der Betriebe ausmachen, werden nicht in der Lage sein diese Kosten zu stemmen[7]. Was die Nitratauswaschungsgefahr betrifft, so kommt das Bayerische Landesamt für Landwirtschaft (LfL) zum dem Schluss, dass bei einer Düngung von Grünland im Spätherbst keine Auswirkung auf das Grundwasser zu erwarten seien, da bei niedrigen Temperaturen keine Mineralisierung mehr stattfinde[8]. Auch diese Auflage muss daher aus fachlicher und ökonomischer Sicht kritisiert werden.

Mein persönliches Fazit             

Zusammenfassend stelle ich fest, dass, unabhängig von der ungenügenden Datengrundlage zur Nitratbelastung im Grundwasser, sich die geplanten Änderungen der Düngeverordnung negativ auf die Umwelt und auf die wirtschaftliche Situation der Landwirte auswirken. Viele der Änderungen widersprechen konkret der guten fachlichen Praxis und sich fachlich unbegründet.

Die Landwirte befinden sich ohnehin in einer prekären wirtschaftlichen Situation. Immer neue Auflagen, wie diese geplante Verschärfung der Düngeverordnung, treiben die Mehrkosten für die Landwirte stark nach oben, während die Erzeugerpreise weiterhin viel zu niedrig sind. Dadurch wird der Gewinn stark geschmälert. Insbesondere die kleinen und mittleren Familienbetriebe, vor allem die im Nebenerwerb, sind unter diesen Umständen kaum noch in der Lage wirtschaftlich zu produzieren und die hohen Investitionskosten zu tragen.

Die mit der Änderung der Düngeverordnung verbundenen Kosten gehen laut Berechnung der Bundesregierung in die dreistellige Millionenhöhe. Es stehen tausende wirtschaftliche Existenzen auf dem Spiel. Nur die großen Betriebe werden in der Lage sein, die Auflagen zu erfüllen. Besonders krass vor allem wenn man bedenkt, dass mit der Änderung der Düngeverordnung 2017 bereits alle Maßnahmen aus der EU-Nitratrichtlinie umgesetzt wurden. Die Verschärfungen der Maßnahmen basieren also auf reiner Willkür.

Es ist frustrierend, dass die Bundesregierung sich scheinbar nicht traut hier mit offenen Karten zu spielen und sich nicht gegen die überzogenen Vorgaben aus Brüssel wehrt. Will man vielleicht nicht zugeben, dass man einen Fehler gemacht hat? Ausbaden müssen das jetzt auf jeden Fall die Landwirte.

Was haltet ihr von meiner Kritik an den geplanten Maßnahmen? Schreibt gerne dazu in die Kommentare. Danke.


[1] https://www.hlnug.de/fileadmin/dokumente/wasser/grundwasser/HLUG_Nitratabbauvermoegen_gesamt_final_web.pdf, S. 24f.

[2] Rechtssache C-543/16 – Kommission/Deutschland; Artikel 5 Absatz 5 und 7 in Verbindung mit Anhang II Teil 4 A Nummern 1 bis 3 und 5 und Anhang III Nummer 1 Ziffer 1 bis 3 und Nummer 2 der EU-Nitratrichtlinie

[3] https://www.vku.de/fileadmin/user_upload/Verbandsseite/Themen/Umwelt/21_10_2018_Prof_Dr_Ines_Haertel_Gutachten_EuGH_Urteil_Nitratrichtlinie.pdf

[4] https://www.raiffeisen.de/sites/default/files/2020-01/2020_01_15_Ware_D%C3%BCV_Anl-DRV-Stellungnahme.pdf

[5] https://www.gesetze-im-internet.de/d_v_2017/D%C3%BCV.pdf

[6] https://www.bayerischerbauernverband.de/sites/default/files/2020-01/2020-01-13_pk_bbv-stellungnahme_referentenentwurf_novelle_duev_final.pdf, S. 8f.

[7] https://www.agrarheute.com/management/betriebsfuehrung/guelle-neue-regeln-mist-bauern-not-558727

[8] https://www.lfl.bayern.de/iab/gruenland/024728/index.php

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