Verursacht die deutsche Landwirtschaft wirklich externe Kosten von mindestens 90 Milliarden Euro pro Jahr?

Letzte Woche erst hatte ich meinen kritischen Kommentar zum Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) veröffentlicht. Eine wesentliche Empfehlung der ZKL ist die Internalisierung von externen Kosten, weil dem bestehenden Agrar- und Ernährungssystem erhebliche negative externe Kosten zuzurechnen seien, die insbesondere die Bereiche Nutztierhaltung, Klima, Biodiversität und Nährstoffausträge in Grund- und Oberflächenwasser betreffen würden. Diese externen Kosten werden von der ZKL auf mindestens 90 Milliarden Euro (!!!) pro Jahr beziffert. Das hat in der Branche für erheblichen Unmut gesorgt. In diesem Beitrag möchte ich diese Zahl etwas näher beleuchten.

Was sind externe Kosten überhaupt?

In der Landwirtschaft sind negative externe Kosten (oder negative Externalitäten) diejenigen ökologischen Auswirkungen der Produktion, die nicht in den Lebensmittelpreisen abgebildet werden und somit auch in den ökonomischen Entscheidungen der Landwirte keine Rolle spielen. Ein typisches Beispiel für externe Kosten ist die „Gratis-Verschmutzung“ von Luft oder Wasser durch Schadstoff-Emissionen, die mit Produktion, Konsum und Transport verbunden sind[1]. Die Internalisierung externer Kosten nach dem Verursacherprinzip zielt wiederum darauf ab diese Kosten, die ansonsten von der Gesellschaft getragen werden müssen, zum Bestandteil der einzelwirtschaftlichen Kostenrechnung der Landwirte zu machen[2]. Das ist beispielsweise über Richtwerte, Grenzwerte oder Steuern möglich. Dazu müssen die externen Effekte jedoch zunächst monetarisiert werden, was gar nicht so einfach ist. Die ZKL beziffert die ökologischen externen Kosten der Landwirtschaft auf etwa 90 Milliarden Euro jährlich und bezieht sich dabei auf eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) aus dem Jahr 2019[3]. Allein für die fünf Kategorien Klima, Luft, Wasser, Boden und Tierhaltung würde die deutsche Landwirtschaft demnach externe Kosten i.H.v. mindestens 43 Mrd. Euro erzeugen.

Bewusst höher veranschlagt?

Auffällig ist, dass für die Berechnung der Klimakosten, die vom UBA empfohlenen 180 Euro pro Tonne zugrunde gelegt wurden und nicht die Marktpreise für EU-CO2-Zertifikate (10 – 25 Euro pro Tonne, 2018) oder die CO2-Preise im neuen Klimaschutzprogramm 2030 (10 – 60 Euro pro Tonne). Würden die beiden letztgenannten angewendet werden, dann würden die externen Kosten nur etwa 1,3 – 3,3 Mrd. Euro bzw. 1,33 – 7,9 Mrd. Euro betragen. Das wären fast 50% weniger! Die übrigen externen Kosten i.H.v. etwa 47 Mrd. Euro betreffen den Verlust von Ökosystemleistungen, für den die Landwirtschaft verantwortlich ist, und basieren nach Angaben der BCG auf einer in der Biodiversitätsstrategie 2020 der EU veröffentlichten Abschätzung. Sie errechnen sich aus der Erwägung, dass das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch Biodiversitätsverluste um jährlich 3% reduziert werden würde. Nach Recherche muss jedoch festgestellt werden, dass dieser Wert gar nicht aus der Biodiversitätsstrategie stammt, sondern unbelegt in einer Entschließung des Europäischen Parlaments auftaucht[4]. Obwohl die BCG zugibt, dass Deutschland dadurch möglicherweise überproportional belastet wird, wurde dieser Wert unkommentiert in die Studie übernommen. Vor dem Hintergrund, dass der landwirtschaftliche Flächenverbrauch der Haupttreiber für den Verlust von Artenvielfalt ist und es bei uns in Deutschland keinen signifikanten Landnutzungswandel mehr gibt, erscheint der Schätzwert von insgesamt 47 Mrd. Euro für Deutschland jedoch eindeutig bewusst zu hoch angesetzt.

Fazit

Die ZKL bestätigt in ihrem Abschlussbericht, dass sich weder die genauen Auswirkungen einer Fortführung des Status quo auf die natürlichen Ressourcen noch die daraus resultierenden Kosten exakt beziffern lassen. Dennoch macht sie sich die jährlichen externen Kosten i.H.v. 90 Mrd. aus der BCG-Studie zu eigen, weil es allgemein akzeptiert sei, dass es sich ungefähr um einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag handeln würde. Aus diesem Schätzwert wiederum leitet sie den dringenden Transformations-Bedarf unseres heutigen Agrar- und Ernährungssystems ab[5]. Ich bin der Meinung, dass das so nicht stehen bleiben darf. Die Herleitung der BCG ist unseriös und verwendet bewusst höhere Zahlen. Externe Nutzen der Landwirtschaft werden sogar ganz ausgeklammert. Sicherlich ist es richtig, dass die Landwirtschaft – wie alle anderen Branchen im Übrigen auch – für gewisse externe Kosten verantwortlich ist. Jedoch müssten diese zunächst seriös monetarisiert werden, bevor ansatzweise über eine Internalisierung nachgedacht werden kann. Auch darf nicht vergessen werden, dass die deutsche Landwirtschaft bereits heute stark überreguliert ist und zahlreiche Umweltauflagen erfüllen muss. Solange Agrarimporte nicht dieselben Standards erfüllen müssen wie bei uns, bleibt jede Debatte dazu unehrlich.

P.S. Mich würde ja interessieren wer die Studie der Boston Consulting Group finanziert hat und mit welchem Zweck? Auffällig ist zumindest, dass der WWF maßgeblich an ihrer Erstellung mitgewirkt hat.


[1] https://www.diegruene.ch/artikel/die-externen-kosten-der-landwirtschaft-standpunkt-von-mathias-binswanger

[2] http://www.wirtschaftslexikon24.com/d/internalisierung-externer-kosten/internalisierung-externer-kosten.htm

[3] https://image-src.bcg.com/Images/Die_Zukunft_der_deutschen_Landwirtschaft_sichern_tcm108-234154.pdf

[4]  https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-7-2012-0146_DE.pdf

[5] https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Landwirtschaft/abschlussbericht-zukunftskommission-landwirtschaft.pdf;jsessionid=6ADCEF4951327A5BC2B0924D0964EB70.live921?__blob=publicationFile&v=2, S. 141

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

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