Drohender russischer Gaslieferstopp würde die Lebensmittelversorgung in Deutschland massiv gefährden

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) wiederholt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass die Lebensmittelversorgung in Deutschland sichergestellt sei. So zuletzt auch in den „tagesthemen“ in der ARD. Dabei bezieht er sich wohlgemerkt ausschließlich auf den Selbstversorgungsgrad, d.h. die Relation zwischen Erzeugung und Verbrauch landwirtschaftlicher Produkte. Der Minister vergisst jedoch, dass Agrargüter zunächst verarbeitet werden müssen, bevor sie von uns verzehrt werden können. In diesem Beitrag werde ich zeigen, warum unsere Lebensmittelversorgung bei einem russischen Gaslieferstopp in Wirklichkeit hochgradig gefährdet wäre.

Fressen Nutztiere uns das Essen weg?

Jede Krise birgt die Gefahr, dass sie von politischen Akteuren zur Umsetzung ihrer Forderungen instrumentalisiert wird. So auch jetzt die Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine auf die globalen Agrarmärkte. Die erneuten extremen Preissteigerungen bei Agrargütern und Energie werden die globale Ernährungskrise dramatisch verschärfen. Gegner der Nutztierhaltung nutzen die Eskalation des Konfliktes, um Stimmung zu machen. Ganz besonders hartnäckig hält  sich die Behauptung, dass Nutztiere uns das Essen wegessen würden. Statt Tierfutter, könnte auf den Ackerflächen auch Getreide, Bohnen und Gemüse für die menschliche Ernährung angebaut werden. Doch ist das wirklich so?

Die merkwürdige Debatte um die Lebensmittelpreise

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit äußerte der neue Bundeslandwirtschaftsminister, Cem Özdemir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), dass es keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben dürfe.  Diese würden Bauernhöfe in den Ruin treiben, mehr Tierwohl verhindern, das Artensterben befördern und das Klima belasten. Der Lebensmittelpreis solle die „ökologische Wahrheit“ stärker ausdrücken[1]. Damit greift der Minister unter anderem die Argumentation der sogenannten „Zukunftskommission Landwirtschaft“ auf, die in ihrem Abschlussbericht fordert, dass negative Externalitäten vermieden werden sollen und Lebensmittelpreise – soweit möglich – die tatsächlichen Gesamtkosten abbilden sollen[2]. In der derzeit stattfindenden öffentlichen Debatte wird zunehmend der Eindruck vermittelt, dass die „richtigen Preise“ bekannt seien und lediglich die gesetzlichen Vorgaben angepasst werden müssten, damit sie die richtige Höhe annehmen.

Verursacht die deutsche Landwirtschaft wirklich externe Kosten von mindestens 90 Milliarden Euro pro Jahr?

Letzte Woche erst hatte ich meinen kritischen Kommentar zum Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) veröffentlicht. Eine wesentliche Empfehlung der ZKL ist die Internalisierung von externen Kosten, weil dem bestehenden Agrar- und Ernährungssystem erhebliche negative externe Kosten zuzurechnen seien, die insbesondere die Bereiche Nutztierhaltung, Klima, Biodiversität und Nährstoffausträge in Grund- und Oberflächenwasser betreffen würden. Diese externen Kosten werden von der ZKL auf mindestens 90 Milliarden Euro (!!!) pro Jahr beziffert. Das hat in der Branche für erheblichen Unmut gesorgt. In diesem Beitrag möchte ich diese Zahl etwas näher beleuchten.