Die Illusion von der Rückkehr der kleinen regionalen Schlachthöfe

Im Zuge der Corona-Ausbrüche im Schlachtunternehmen Tönnies und anderer Großschlachtereien, sind abermals die Arbeitsbedingungen dieser Branche in den öffentlichen Fokus gerückt. Schnell forderte eine Vielzahl von Spitzenpolitikern aus verschiedenen Parteien öffentlichkeitswirksam, dass diese prekären Arbeitsbedingungen unverzüglich verboten gehören. Allen voran betonte der SPD-Arbeitsminister, Hubertus Heil, dass die Arbeitsverhältnisse in der Branche dringend „aufgeräumt“ werden müssen. Vor allem die Arbeits- und Wohnbedingungen ausländischer Leiharbeiter in der Fleischwirtschaft seien ihm ein Dorn im Auge. Gleichzeitig wird in Politik und Gesellschaft der Ruf nach kleinen regionalen Schlachthöfen immer lauter. Doch ist dieser Wunsch überhaupt realistisch umsetzbar? Kann die Uhr einfach wieder zurückgedreht werden?

Situation in der Fleischbranche

In meinem Blogbeitrag „Die Sache mit dem Fleisch“ bin ich bereits auf die wichtigsten Herausforderungen und die Beschäftigungslage der Branche eingegangen. Die zunehmende Konzentration in der Schlachtbranche war politisch gewollt und wurde insbesondere mit Umsetzung der EU-Hygieneverordnungen für die Erzeugung tierischer Lebensmittel vorangetrieben[1]. Zusammen mit dem hohen Wettbewerbsdruck, der aus den niedrigen Weltmarktpreisen sowie dem intensiven Verdrängungswettbewerb der Fleischbranche resultiert, sorgen diese bürokratische Hürden dafür, dass kleinere Schlachtereien nicht wirtschaftlich mit den Großbetrieben konkurrieren können[2]. So schlachten beispielsweise die zehn größten Schlachtunternehmen in Deutschland 79,2 Prozent der Schweine. Tendenz steigend[3]. Es verwundert deshalb nicht, dass es kaum noch kleine regionale Schlachtunternehmen gibt, die selber schlachten. Nur knapp 30 Prozent der etwa 11.000 deutschen Metzgereibetriebe schlachten noch selbst. Tendenz sinkend[4]. Für die Regionalität und den Tierschutz ist das natürlich katastrophal, da die Tiertransportstrecken immer weiter werden.

Frommer Wunsch der Politik

Die Grünen fordern nun den Umbau von Schlachtbetrieben und Tierhaltung, um eine Struktur aus vielen mittelständischen Schachtunternehmen zu etablieren. Konkret sollen dazu mittelfristig mindestens 40 Prozent der Schlachtungen in kleinen und mittelständischen Betriebsstrukturen stattfinden. Dies soll durch gezielte Förderungen erreicht werden[5]. Und die Grünen sind mit ihrem Wunsch nicht allein: Von Merkel und der CDU bis zur Partie DIE LINKE. sind sich alle Parteien einig, dass eine Dezentralisierung der Fleischbranche nötig sei und überbieten sich gegenseitig mit gut gemeinten Vorschlägen dazu[6]. Was sie jedoch alle verschweigen: die Zentralisierung der Fleischbranche war politisch gewollt. Die Gründe dafür waren vielfältig. Eine große Rolle hat sicherlich gespielt, dass die Unternehmen so besser mit den niedrigen Weltmarktpreisen konkurrieren können und wettbewerbsfähig exportieren können.

Re-Regionalisierung erscheint unmöglich

Eine Umkehr dieser Zentralisierung erscheint auf den ersten Blick eher nicht möglich. Vor allem nicht zu den aktuellen politischen Rahmenbedingungen. Sicherlich entwickelt sich bei vielen Verbrauchern derzeit ein höheres Ernährungsbewusstsein, jedoch bedient dieser Trend nach wie vor lediglich einen Nischenmarkt. Es ist deshalb wirtschaftlich betrachtet völlig illusorisch, dass kleinere Schlachthöfe auch nur ansatzweise mit den niedrigen Preisen der großen Schlachthöfe konkurrieren können. Von den Fleischimporten zu Dumpingpreisen ganz zu schweigen. Die Wettbewerbsfähigkeit könnte also – wenn überhaupt – nur über sehr hohe staatliche Fördermittel hergestellt werden.

„Wir brauchen bessere Preise für Fleisch! Preise, die möglich machen: eine Haltung im Stall mit mehr Tierwohl, möglichst kurze Transportzeiten, faire Arbeitsbedingungen und vor allem ein nachhaltiges Einkommen für unsere Bauern. Deshalb müssen wir die gesamte Kette unter die Lupe nehmen. Wir erleben aktuell ein Momentum, eine Chance, die Fleischbranche neu zu justieren. Das gehen wir an.“

BMin Julia Klöckner (CDU)
https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2020/112-branchengespraech-fleisch.html

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass kleine Schlachthöfe finanziell stark gefördert werden würden, dann ergeben sich weitere Hürden. Weiter oben habe ich bereits die EU-Hygieneverordnungen angesprochen, die den Betrieben hohe Investitionskosten für die Erfüllung der strengen Zulassungsvoraussetzungen sowie hohe bürokratische Kosten zur Erfüllung der umfangreichen Dokumentationspflichten abverlangen. Wie realistisch ist eine Deregulierung dieser EU-Verordnungen? Außerdem darf auch der Faktor Mensch nicht vergessen werden. Wer würde diese Betriebe gründen? Woher sollen die Fleischer kommen? Anhand all dieser Kostenpositionen kann sich jeder selber ausmalen, wie realistisch es ist, dass sich künftig wieder kleine regionale Schlachtereien etablieren werden. Ob es von Seiten der Politik eine Machbarkeitsstudie und Folgenabschätzung dazu geben wird?

Die Tierhaltung nicht vergessen

Ein weiterer Punkt, der in der Diskussion oft vergessen wird, ist die Nutztierhaltung. Derzeit verabschieden EU und Bund in immer kürzeren Abständen neue Auflagen und Verbote für die heimischen Nutztierhaltung. Jede neue Auflage führt allerdings zu einer Erhöhung der Produktionskosten und senkt den Gewinn. Dadurch kommt es dazu, dass die Politik – bewusst oder unbewusst – die Zentralisierung der Nutztierhaltung fördert. Vor allem die Nebenerwerbs- und Kleinbetriebe geben massenweise die Tierhaltung auf, weil die Investitionskosten und Auflagen viel zu hoch geworden sind, um wettbewerbsfähig zu wirtschaften[7]. In Folge nehmen die Tierzahlen bei den verbleibenden Betrieben sowie die Lebendtierimporte (z.B. von Ferkeln) zu. Diese zunehmende Zentralisierung der Nutztierhaltung wiederspricht natürlich elementar dem Wunsch nach der Regionalisierung der Fleischbranche. Ohne eine regionale Tierhaltung machen auch regionale

Mein persönliches Fazit

Um es kurz zu machen: es erscheint eher unwahrscheinlich, dass eine Re-Regionalisierung der Fleischbranche möglich wäre. Zumindest nicht mit der derzeitigen Agrarpolitik. Eine Förderung regionaler Schlachtstrukturen halte ich für nicht finanzierbar.

Langfristig wäre die Re-Regionalisierung der Fleischbranche nur denkbar, wenn die EU-Hygieneverordnungen dereguliert und entbürokratisiert werden sowie die Nachfrage nach hochpreisigem regionalen Fleisch so hoch wird, dass kleine regionale Schlachtereien wettbewerbsfähig wirtschaften können.  Außerdem müsste dazu der Strukturwandel in der Tierhaltung gestoppt werden beziehungsweise von Seiten der Politik für Planungs- und Investitionssicherheit sowie ökonomischen Perspektiven in der Nutztierhaltung gesorgt werden.

Wovon ich sehr viel halten würde und was kurz- bis mittelfristig realisiert werden könnte, wäre es, Tierhaltern die mobile Schlachtung zu ermöglichen. So könnte einigen Tierhaltern die Möglichkeit eines zusätzlichen Wertschöpfungsstandbeins, über die Direktvermarktung von Fleisch, an die Hand gegeben werden.

Wie bewertet ihr die Situation? Teilt ihr meine Einschätzung oder seht ihr das komplett anders? Schreibt mir dazu gerne in die Kommentare 😉


[1]  Rückert-John, J. & Kröger, M., 2019, Fleisch: Vom Wohlstandssymbol zur Gefahr für die Zukunft. Nomos: Baden-Baden

[2] http://agropolit-x.de/die-sache-mit-dem-fleisch/

[3] https://www.agrarheute.com/tier/schwein/schwein-zehn-groessten-schlachthoefe-deutschland-445426

[4] https://www.welt.de/wirtschaft/article210740905/Fleisch-Die-gruene-Utopie-vom-kleinen-Schlachter.html

[5] https://www.topagrar.com/schwein/news/gruene-fordern-einheitliche-schlachthofabgabe-12326143.html

[6] https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/merkel-will-weiter-tierhaltung-in-deutschland-12102250.html

[7] https://www.agrarheute.com/management/betriebsfuehrung/hoefesterben-echtzeit-tierhalter-geben-massenweise-571877

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

Eine Antwort auf „Die Illusion von der Rückkehr der kleinen regionalen Schlachthöfe“

  1. Hallo..
    Ein sehr gut geschriebener und faktenreicher Bericht. Wir sind alle schnell dabei Änderungen zu fordern obwohl diese nicht mehr möglich sind. Metzgereien sterben aus und die die noch bestehenden haben den Faktor Schlachtung schon grösstenteils ausgegliedert. Eine Umfrage wäre interessant wo die noch bestehenden Betriebe äussern sollen,ob sie überhaupt wieder mit eigener Schlachtung beginnen wollen bzw können Stichwort Fachkräftemangel oder bauliche beschränkheit oder sogar die Angst beim kleinsten Fehler bei der Schlachtung als tierschänder dazu stehen,was heute leider sehr schnell geht.

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