Verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln – Sinnvolles Instrument oder Schnapsidee?

Der Frust der Landwirte über die zu niedrigen Erzeugerpreise hält weiterhin an. In diesem Blogbeitrag möchte ich deshalb das ökonomische Instrument der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln beleuchten, von dem sich viele Landwirte eine höhere Wertschöpfung versprechen.

Worum geht’s?

Eine Hauptforderung der Bauernbewegung „Land schafft Verbindung“ (LsV) ist eine klare Herkunftskennzeichnung für landwirtschaftliche Produkte, auch in verarbeiteten Lebensmitteln, damit die Verbraucher regionale Produkte leichter erkennen und kaufen können[1]. Die Initiative „FREIE BAUERN“ stößt ins selbe Horn. Derzeit sei nicht erkennbar, aus welchem Land die landwirtschaftlichen Rohstoffe in einem Produkt stammen würden. Die Verbraucher könnten so nicht erkennen, unter welchen ökologischen und sozialen Standards diese produziert wurden. Sie fordern daher ebenfalls eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Lebensmittel[2]. Mittlerweile hat auch die größte landwirtschaftliche Interessenvertretung, der „Deutsche Bauernverband“ (DBV) die Forderung aufgegriffen. Er fordert die Politik auf, durch eine flächendeckende Herkunftskennzeichnung Transparent am Lebensmittelmarkt herzustellen[3]. Die heimische Landwirtschaft scheint sich also bei dieser Forderung einig zu sein. Das entspricht übrigens auch den Wünschen der Verbraucher. Über 95% der Bundesbürger sind mit den aktuellen Herkunftsangaben nicht zufrieden und wollen beim Kauf transparent über die Herkunft informiert werden[4]. Immerhin 60 Prozent gaben an, dass der Ursprung ihr entscheidendes Auswahlkriterium im Supermarkt sei[5].

Status quo

Die Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln ist an sich keine neue und revolutionäre Forderung. Bereits heute gibt es hierzu gesetzliche Regelungen. So ist EU-weit einheitlich verpflichtend geregelt, dass bei Lebensmitteln das Ursprungsland oder der Herkunftsort angegeben werden muss, falls die Verbraucher ohne diese Angabe über das tatsächliche Ursprungsland oder den tatsächlichen Herkunftsort des Lebensmittels in die Irre geführt werden könnte. Darüber hinaus müssen bestimmte Lebensmittelgruppen immer mit dem Ursprungsland gekennzeichnet werden. Dazu gehören frisches Obst und Gemüse (mit Ausnahme beispielsweise von Bananen, Oliven sowie Früh- und Speisekartoffeln), Eier, frisches Rindfleisch, frischer Fisch sowie frisches, gekühltes oder gefrorenes Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Geflügelfleisch[6][7]. Bei Milchprodukten lässt sich der Molkereistandort über die Milchnummer nachvollziehen[8]. Und bei Honig, Olivenöl der Güteklassen „nativ extra“ und „nativ“, sowie bei allen Bio-Lebensmitteln – inklusive verarbeiteten – muss gekennzeichnet werden, ob diese aus EU-Ländern oder Nicht-EU-Ländern stammen. Bedenkt man jedoch, dass inzwischen bis zu 90% der in Deutschland konsumierten Lebensmittel bereits verarbeitet sind, dann wird deutlich, dass es nicht ausreicht, dass die bestehende Herkunftskennzeichnungspflicht sich fast ausschließlich auf frische Produkte bezieht[9]. Nicht vergessen werden sollte außerdem, dass es in Deutschland bereits viele freiwillige Regionalkennzeichnungen für Lebensmittel gibt.

Vorteil einer verpflichtenden Herkunftskennzeichnung

Agrargüter sind in der Regel austauschbare, homogene Rohstoffe, deren Preisniveau vom Landwirt kaum über einzelne Qualitätskriterien beeinflusst werden kann. Im Gegensatz zu den hochdifferenzierten Endprodukten der Ernährungsindustrie ist ihre Wertschöpfung gering und orientiert sich bei offenen Handelsgrenzen am Weltmarktpreis. Gäbe es eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für alle Lebensmittel, insbesondere auch der verarbeiteten, dann könnte sich das möglicherweise ändern. Denn in Deutschland produzierte landwirtschaftliche Rohstoffe würden plötzlich einen Mehrwert erhalten. Ausgehend von der Tatsache, dass für eine breite Mehrheit der Verbraucher die Herkunft der Lebensmittel beim Kauf die größte Rolle spielt, ist zu erwarten, dass die Unternehmen der Ernährungsindustrie verstärkt auf heimische Agrargüter angewiesen wären. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass im selben Atemzug dann auch der Preis für diese landwirtschaftlichen Rohstoffe steigen wird. Werden die höheren Beschaffungskosten der verarbeitenden Unternehmen an den Handel weitergereicht, dann ist mit einem leichten Anstieg der Verbraucherpreise bei diesen Lebensmitteln zu rechnen. Der große Vorteil für die Verbraucher ist jedoch, dass sie wunschgemäß gezielt zu heimischen Lebensmitteln greifen könnten und eine echte Wahlmöglichkeit hätten.

Rechtliche Hürden?

In einigen EU-Staaten besteht eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Milch und Milchprodukte. In diesem Zusammenhang hatte sich der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH) Mitte letzten Jahres so geäußert, dass dies den Weg für eine indirekte Wiedereinführung nationaler Regeln für Lebensmittel ebnen würde, die darauf zugeschnitten sind, rein nationalistische, oder gar chauvinistische, Instinkte der Verbraucher zu bedienen. Die verpflichtende Angabe des Ursprungslandes oder des Herkunftslandes sei seiner Meinung nach geeignet, den freien Warenverkehr zu beeinträchtigen[10].

Der EuGH stellte in einem Urteil klar, dass es den Mitgliedstaaten erlaubt sei zusätzliche verpflichtende Ursprungs- oder Herkunftsangaben vorzusehen, wenn diese der öffentlichen Gesundheit, dem Verbraucherschutz, der Betrugsvorbeugung oder dem Schutz von gewerblichen und kommerziellen Eigentumsrechten, Herkunftsbezeichnungen und eingetragenen Ursprungsbezeichnungen sowie vor unlauterem Wettbewerb dienen würde. Jedoch dürften diese nur erlassen werden, wenn nachweislich eine Verbindung zwischen bestimmten Qualitäten des Lebensmittels und seinem Ursprung oder seiner Herkunft besteht und die Mitgliedsstaaten nachweisen können, dass die Mehrheit der Verbraucher diesen Informationen wesentliche Bedeutung beimisst[11].

Mein persönliches Fazit

Aus ökonomischer Sicht erscheint die verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln tatsächlich ein sinnvolles Instrument zu sein, um die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise zu erhöhen. Deutsche Agrargüter würden durch die potentiell höhere Nachfrage der Unternehmen der Ernährungsindustrie ein höheres, vom Weltmarktpreis abgekoppeltes, Preisniveau erlangen. Gleichzeitig hätten die Verbraucher die Möglichkeit einer transparenteren Kaufentscheidung. Höchstwahrscheinlich würde jedoch der Endpreis für die Verbraucher leicht steigen. Letztendlich wird natürlich die Kaufbereitschaft über den Erfolg entscheiden. Das Potential für eine Win-win-Situation ist aber hoch.

Über die exakte Ausgestaltung wäre sicherlich noch zu diskutieren. Am wichtigsten wäre m.E. die Kennzeichnung von verarbeiteten Lebensmitteln. Ich schlage deshalb vor, dass mindestens 80% der Primärzutaten aus Deutschland stammen müssen, um die Kennzeichnung „aus Deutschland“ erhalten zu können. Die Einbeziehung von Gemeinschaftsküchen wäre ebenfalls zu überlegen. Aus rechtlicher Sicht scheint es grundsätzlich keine relevanten Einwände gegen eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung zu geben.

Was haltet ihr von der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln? Teilt ihr meine Einschätzung oder seht ihr das komplett anders? Schreibt mir eure Meinung gerne in die Kommentare!


[1] https://landschafftverbindung.de/was-uns-antreibt/

[2] https://www.freiebauern.de/index.php/8-mitteilungen/268-freie-bauern-demonstrieren-fuer-herkunftskennzeichnung-regionale-produkte-auch-auf-die-fertigpizza

[3] https://www.agrarheute.com/management/agribusiness/dbv-fordert-deutschland-bonus-fuer-heimische-lebensmittel-575999

[4] https://www.daskochrezept.de/magazin/news-termine/verbraucher-wollen-wissen-woher-ihre-lebensmittel-kommen_152674.html

[5] https://www.agrarheute.com/land-leben/deutsche-achten-herkunft-sorgen-um-ernaehrungsrisiken-554403

[6] https://www.lebensmittelklarheit.de/informationen/herkunftsangaben

[7] https://www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/lebensmittel-kennzeichnung/pflichtangaben/lebensmittelkennzeichnung-wichtigsten-vorgaben-lmiv.html;jsessionid=13472976D7812D1F074DA391E94502EC.internet2831

[8] https://www.wer-zu-wem.de/handelsmarken/milchnummern.html

[9] https://www.fleischwirtschaft.de/verkauf/nachrichten/Konsumgewohnheiten-Wunsch-und-Wirklichkeit-41090

[10] https://www.topagrar.com/rind/news/vorteil-verpflichtende-herkunftskennzeichnung-12395544.html

[11] Gerichtshof der Europäischen Union, Pressemitteilung Nr.120/20, 1. Oktober 2020, Urteil in der Rechtssache C-485/18, https://curia.europa.eu/jcms/upload/docs/application/pdf/2020-10/cp200120de.pdf

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

10 Antworten auf „Verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln – Sinnvolles Instrument oder Schnapsidee?“

  1. Die Forderung nach einer Herkunftskennzeichnung stammt in Deutschland nicht von LsV, sondern von der AG Herkunftskennzeichnung. Es braucht keine Kennzeichnung wenn 80% der Rohstoffe aus einem bestimmten Land kommen (wie LSV Deutschland sich das vorstellt), sondern eine Herkunftskennzeichnung über alle Produktionsschritte hinweg in Klarschrift, bei Fleisch von Geburt des Tieres bis zur Schlachtung, auch bei verarbeiteten Produkten. Hofer führt dies bei immer mehr Produkten in Österreich bereits durch.
    Auch der Molkereistempel ist Verbrauchertäuschung, denn er gibt den Molkereistandort an, aber nicht in welchem Land die Kuh gemolken wurde.
    Auch in der Gastronomie muss eine Herkunftskennzeichnung auf die Karte. Wiener Schnitzel aus holländischem Schweinefleisch muss der Gast erkennen können!

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  2. Dieser Bericht / Darstellung ist Faktisch sachlich falsch.
    Zur Kennzeichnung der Herkunft der Zutaten:
    Warum brauchen wir ein Label? Das verwirrt den Verbraucher nur und sorgt nicht für Transparenz. Außerdem sind mit einem Label nur Kosten verbunden. Die Kennzeichnung in Klarschrift ist für jeden verständlich.
    Die von Ihnen dargestellte Kennzeichnung erfasst nicht die importierten Rohstoffe wie zum Beispiel Rohmilch. Wir wollen dem Verbraucher ermöglichen klar und einfach selber zu entscheiden. Dieses ist das was die Ernährungsindustrie derzeit nicht will, weil durch den Import von Zutaten ein wesentlich höherer Profit erzielt wird. Ihre Forderung/Ansicht ist nur darauf basierend die Interessen der Verarbeitungsindustrie zu stützen und dadurch die verdiente Wertschätzung heimischer Erzeugnisse zu vernachlässigen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Frank Schmidt
    Warum wird aus Österreich kontraproduktive Stimmung in Deutschland verbreitet

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  3. Ein d label mit 80 oder 90 % ist sicher nicht zielführend. Kennzeichnung in Klarschrift für alle Bestandteile.
    Reduzieren auf d bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Wir haben eine geno , die seid über 20 Jahre milch aus dk holt , es gibt aus genossen aus dk.
    Da die Standards dort unsere nicht unterlaufen ist doch alles i.o.
    Wir leben in Europa, neuer Nationalismus bringt uns da nicht weiter.
    Der Kunde sollte schlicht erkennen können woher die Zutaten stammen, die “ wertung“ muss er dann schon selbst vornehmen.
    Wenn am Ende ein Mehrwert dabei herauskommt, gut. Dies kann bei einer vernünftigen Kennzeichnung aber nicht das offizielle Ziel sein.
    Es geht nach meinem Verständnis vor allem auch darum 3 landsware erkennen zu können .
    Asien, Südamerika u.s.w.

  4. Es ist immer die Rede von fairem Handel. Nur zur Zeit kann davon keine Rede sein, während hier in Deutschland die Standards (Umweltschutz, Tierwohl, Mindestlohn, Baurecht usw) im Bereich der landwirtschaftlichen Produkten immer höher geschraubt werden, können gleichzeitig Produkte aus dem Ausland hier verarbeitet und verkauft werden die diese Standards nicht erfüllen. Wenn die Gesellschaft diese hohen Standards haben möchte, muss sie diese auch bezahlen. Nur dafür muss der Verbraucher aber die nötigen Informationen haben, und dieses geht nur mit einer klaren Herkunftskennzeichnung aller Produkte incl. der verarbeiteten Zutaten.

  5. Als Verbraucher empfinde ich es als mein persönliches Recht mich einfach und klar informieren zu können, d h. in Klarschrift möchte ich über 100% der Herkunft der Bestandteile, ohne vorherige Nutzung meines Smartphones, erfahren können wo alles herkommt. Wenn ich Milch kaufe, reicht es mir nicht über Kennnummern herausfinden zu können wo sie abgefüllt wurde. Ich möchte wissen, wo die dazugehörige Kuh lebt. Das hat mit Ernährungsnationalismus rein gar nichts zu tun. Es geht um die Entscheidung: ist es für mich „gesund entstanden “ und ist es für mich selber „gesund“? Ich möchte selber entscheiden, ob ich den dortigen Standards zustimme und mit meiner Kaufentscheidung damit unterstütze.
    Diese Verbraucherverwirrung mithilfe unzähliger Label ist da absolut nicht zielführend und somit nicht fortzusetzen.

  6. Ich möchte wissen woher mein Gemüse auf der z.b. Pizza herkommt und zwar von der urproduktion aus gehend!
    Und ich möchte mich , wie meine Vorredner schon erwähnt haben ,ohne Smartphone ,sondern mit Klarschrift auf der Verpackung für 100% deutsche Erzeugnisse entscheiden können!
    Und die Vergangenheit haben gezeigt das Label nicht immer das erfüllen was sie vorgeben!
    Und 100% heißt 100% und nicht „ es reicht wenn 80% deutsche Produkte drin sind gleich deutsch ist“

  7. Ich als Verbraucher , Mutter und Hausfrau möchte selbst entscheiden ,was ich einkaufe . Ich vertraue unseren hohen Standarts ,den Lebensmittelkontrollen , der Quallität , Güte und Frische unserer heimischen Lebensmittel , und ihre Verarbeitung . Ich möchte wissen woher alles kommt , damit ich erkenne und beurteilen kann ,unter welchen Bedingungen produziert wird . Ich lehne verbotene Pflanzenschutzmittel , unkontrollierte Düngung , Brandrodung , zu großen Co2 Fussabdruck beim Transport , Kinderarbeit bei der Lebensmittelproduktion ab , Lebensmittel , die unter deutschen Standarts importiert werden , lehne ich ab , sie sollten mit höheren Zöllen belegt werden .
    Ganz besonders wichtig ist unser Selbstversorgungsgrad , der unbedingt gesichert werden muss ,um in Notfällen oder Krisen unabhängig vom Ausland zu bleiben .

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