Verbot des Kükentötens – Fleischfresser können nicht mit Salat gefüttert werden

In der modernen Geflügelwirtschaft werden Legehennen speziell für die Eierzeugung gezüchtet. Die männlichen Nachkommen werden kurz nach dem Schlupf getötet, weil sie sich aufgrund ihres geringen Fleischansatzes nicht für die Aufzucht und Mast eignen. Entgegen dem gängigen Vorurteil werden die Küken jedoch nicht geschreddert, sondern in einem zweistufigen Verfahren zunächst mit Kohlenstoffdioxid (CO2) betäubt und dann bei Wahrnehmungslosigkeit mit einer höheren Dosis des Gases getötet. Jährlich werden auf diese Weise schätzungsweise 40 Millionen männliche Eintagsküken in Deutschland getötet.

Diese Praxis wird ab 2022 verboten. Hintergrund dafür sind Urteile des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2019, in welchen festgestellt wurde, dass das Töten der männlichen Küken aus speziell auf eine hohe Legeleistung gezüchtete Hennen kein vernünftiger Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes sei[1]. Um dies zu erreichen, muss dann eine Geschlechtsbestimmung im Ei sowie eine Aussortierung der männlichen Küken erfolgen. Die Alternativen dazu wäre entweder das Zweinutzungshuhn oder die „Bruderhahnaufzucht“.

Die Bundeslandwirtschaftsministerin betonte in ihrer Rede im Deutschen Bundestag in blumigen Worten, dass Deutschland das erste Land sei, welches die unethische Praxis des Tötens direkt nach dem Schlüpfen beendet. Sie spricht von einer „Vorreiter-Rolle“[2]. Was leider bei der gesamten Debatte ausgeblendet wird ist, dass die getöteten männlichen Eintagsküken bisher als Futter für Zoo- und Wildtiere verwertet wurden. Hühnerküken haben ab dem ersten Lebenstag eine ernährungsphysiologisch vorteilhafte Nährstoff- und Vitaminzusammensetzung sowie eine zur Verfütterung geeignete Größe und Körperstruktur. Sie haben sich in der täglichen Praxis als Bestandteil einer artgerechten, abwechslungsreichen und ausgewogenen Ernährung im Futterplan vieler carnivorer Tierarten als sehr wertvoll bewährt. Andere Futtertiere, wie beispielsweise Mäuse oder Meerschweinchen, müssen zuvor ein Lebensalter von 7 – 12 Wochen erreichen.

Der nun vorliegende Gesetzentwurf fordert nunmehr eine Ausnahmegenehmigung für das Töten aus eindeutig vernünftigem Grund: der Ernährung von Carnivoren, Omnivoren etc. Das generelle Tötungsverbot erschwert die Versorgung von Fleischfressern in Deutschland und fördert den Import von Küken zu Futterzwecken nach Deutschland aus dem europäischen Ausland. Dies ist nicht nur unehrlich, sondern auch ökologisch und finanziell unlogisch.

Prof. Jörg Junhold
Präsident des Verbandes der Zoologischen Gärten

Wie viele Küken tatsächlich in Zoos und Falknereien verfüttert werden, ist unbekannt. Experten gehen von etwa 31 Millionen Tieren pro Jahr aus[3]. Andere Studien errechnen sogar einen theoretischen Bedarf von 315 Millionen Küken. Klar scheint zu sein, dass die Zoos, Falknereien und stationären Zoofachhandlungen mehr Eintagsküken verfüttern als in Deutschland jährlich getötet werden und wir deshalb wahrscheinlich Nettoimporteur von Hühnerküken sein dürften. Konkretes Datenmaterial dazu fehlt bislang[4].

Warum ist für Befürworter des Kükentötens der Futterbedarf von Zoos und Falknereien eigentlich kein vernünftiger Grund zur Rechtfertigung für das Töten der männlichen Eintagsküken? Eine Ausnahmeregelung erscheint definitiv sinnvoll. Es wäre weder ethisch noch nachhaltig, wenn künftig extra Futtertiere für Zoo- und Wildtiere gezüchtet werden müssten, obwohl die männlichen Eintagsküken leicht verfügbar wären. Ebenfalls nicht zielführend wäre es, wenn wir künftig männliche Eintagsküken für Futterzwecke aus dem Ausland importieren würden.


[1] https://www.bverwg.de/pm/2019/47

[2] https://dipbt.bundestag.de/dip21/btp/19/19230.pdf, S. 29557

[3] https://www.bundestag.de/resource/blob/838746/69fa521a018a8283dcbfb8e7e733e300/02_G_Stellgn-Dr-Fischer-data.pdf

[4] Schulze Walgern, A. & Hegemann, L. & Schütz, K. & Wittmann, M. & Mergenthaler, M. (2020): Umfang und Verwertung männlicher Eintagsküken in Deutschland. Notizen aus der Forschung Nr. 31 / September 2020.

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