Quo vadis, Weidetierhaltung?

Fällt das Wort Weidehaltung, dann verbinden die meisten Menschen hauptsächlich positive Aspekte damit. Doch wie steht es eigentlich um die Weidehaltung in Deutschland? Wie hat sie sich in den vergangenen Jahren entwickelt und wo geht die Reise hin?

Ökologische Bedeutung von (Dauer-)Grünland

Landwirtschaftlich genutzte Wiesen und Weiden werden im deutschen Sprachraum auch als Grünland bezeichnet. Wurden sie mehr als fünf Jahre nicht als Acker benutzt, dann gelten sie als Dauergrünland. Es handelt sich um ökologisch wertvolle Flächen, die über die landwirtschaftliche Produktion hinaus vielfältige Funktionen in der Agrarlandschaft erfüllen. Aufgrund der ganzjährigen Bodenbedeckung ist der Boden im Grünland gegenüber Austrocknung und Erosion durch Wind und Wasser geschützt und verfügt über eine hohe Wasserspeicherkapazität. Dank des hohen Humusanteils dienen Grünlandflächen als Kohlenstoffsenke und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Da über die Hälfte aller in Deutschland beobachteten Tier- und Pflanzenarten auf Grünlandstandorten vorkommen, hat es eine große Bedeutung für den Erhalt der Artenvielfalt. Insbesondere extensiv bewirtschaftetes Grünland mit nährstoffarmen Böden ist ein wichtiger Lebensraum für artenreiche, seltene Pflanzengesellschaften und gefährdete Tierarten[1].

Entwicklung der Weidehaltung in Deutschland

Mit knapp 4,8 Millionen Hektar ist etwa ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutfläche in Deutschland Dauergrünland[2]. Ein großer Teil des Dauergrünlands wird zur Futtergewinnung genutzt. Wir werden uns in diesem Beitrag jedoch rein auf die Beweidung von Dauergrünland, d.h. Weidehaltung, konzentrieren. Grünland wird von Milch- und Mutterkühen, Mastrindern, Schafen und Ziegen beweidet. Die Weidehaltung ist nicht gleichmäßig über Deutschland verteilt, sondern auf ausgewählte Regionen konzentriert. Beim Anteil der Tiere mit Weidegang bestehen hohe Unterschiede zwischen den Bundesländern[3]. Angaben zur Weidehaltung wurden in der Bundesstatistik erstmalig (und m.W. auch letztmalig) im Rahmen der Landwirtschaftszählung 2010 erfragt:

Milchkühe mit Weidegang: 1.756.500 (etwa 42%)

Rinder ohne Milchkühe mit Weidegang: 2.955.700 (etwa 35%)

Schafe mit Weidegang: 1.796.400 (etwa 84%)

Ziegen: keine zuverlässigen Daten gefunden

Milchkühe

In kleineren Betrieben mit bis zu 49 Milchkühen, haben 42 Prozent der Tiere durchschnittlich fünf Monate Weidegang pro Jahr. Bei Betrieben mit 50 bis 199 Tieren sind es sogar 50 Prozent. In großen Milchviehherden mit über 200 Tieren ist Weidegang meist nicht praktikabel, weil meist die benötigte Grünlandfläche im betriebsnahen Bereich fehlt[4]. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2013 prognostiziert, dass der Anteil der Milchkühe mit Weidegang bis zum Jahr 2025 auf zwei Prozent zurückgehen wird. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass der wirtschaftliche Druck die Betriebe zwingt ihre Leistungsfähigkeit zu steigern und höhere Erträge pro Tier zu erzielen, was bei ganzjähriger Stallhaltung etwas besser funktioniert als bei Weidehaltung[5].

Schafhaltung

Seit 2005 ist die Zahl der in Deutschland gehaltenen Schafe von 2,64 Millionen auf 1,55 Millionen gesunken. Das ist ein Rückgang um etwa 59 Prozent in 15 Jahren. Ein Grund dafür ist der Wegfall der „Mutterschafprämie“ im Rahmen der Agrarreform. Schafhalter bekamen bis 2004 pro Mutterschaf max. 28 Euro. Nachdem die Prämie gestrichen wurde, findet die Schaf- und Ziegenhaltung überwiegend nur noch in Landschaftsschutzgebieten, Naturschutzgebieten, auf Dämmen, in den Alpen oder FFH-Flächen statt, wo sie eine unersetzliche Rolle für die Landschaftspflege spielen[6].

Erschwerend für die wirtschaftliche Situation kommt hinzu, dass in 22 EU-Mitgliedsstaaten derzeit Weidetierprämien für die Schafhaltung gezahlt werden und der Wettbewerb dadurch verzerrt wird. Hohe Kosten und niedrige Preise rauben den ohnehin überalterten Betrieben die Zukunftsperspektive[7]. Allein die Wanderschäferei ist deshalb zwischen 1999 bis 2016 um rund ein Drittel von 303 Betrieben auf 97 Betriebe gesunken[8]. Zusätzlich kommt noch die Bedrohung durch den Wolf dazu, durch den immer mehr Schafe und Ziegen gerissen werden. Die Herdenschutzmaßnahmen, wie Schutzhunde und Schutzzäune, haben sich bislang weitestgehend als wirkungslos erwiesen.

Irrsinn Grünlandumbruchverbot

Um den Verlust von Dauergrünland zu verhindern, verbietet die EU seit 2015 den Umbruch in Ackerland, wenn das Grünland mehr als 5 Jahre bewirtschaftet wurde. Weil Ackerland aber einen höheren Wert als Grünland hat, führt dieses Verbot vor allem dazu, dass die Wiesen und Weiden alle fünf Jahre umgepflügt werden, damit der wertvolle Ackerstatus erhalten bleibt. Anschließend wird erneut Gras ausgesät. Durch das Umpflügen wird aber die bis dahin aufgebaute Humusschicht zerstört und Stickstoff sowie CO2 freigesetzt. Dazu kommen die Kosten für den Maschineneinsatz und das neue Saatgut. Ein Landwirt schätzte die Kosten dafür auf etwa 500 Euro je Hektar[9]. Die Beendigung des unsinnigen Grünlandumbruchverbots würde also erheblich zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen und wäre für den Landwirt mit einer Kostenersparnis verbunden.

Mein persönliches Fazit

Die offene Weidehaltung leistet einen wichtigen Beitrag zur Pflege und zum Erhalt unserer Kulturlandschaften. Der Erhalt von Dauergrünland trägt maßgeblich zum Boden-, Gewässer- und Klimaschutz bei. Grünlandstandorte sind wichtig für den Artenschutz und den Erhalt der Artenvielfalt. Darüber hinaus handelt es sich bei der Weidehaltung um eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Nutztierhaltung.

Aufgrund all dieser Vorteile lohnt es sich also die Weidehaltung in Deutschland zu erhalten. Meines Erachtens ist dazu folgendes nötig:

  1. Ein effektives Wolfsmanagement, welches die Bestandreduzierung beinhaltet;
  2. Aufhebung des unsinnigen Grünlandumbruchverbots;
  3. Förderung der Weidetierhaltung (u.a. durch Wiedereinführung der Mutterschafprämie)

Wenn wir jetzt nicht handeln, dann wird die Weidehaltung nach und nach für immer verschwinden. Besonders die Schaf- und Ziegenhalter haben einen besonders schweren Stand. Was ist eure Meinung? Lohnt sich der Erhalt der Weidehaltung? Schreibt mir dazu gerne in die Kommentare.


[1] https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/gruenlandumbruch

[2] https://www.umweltbundesamt.de/indikator-gruenlandflaeche#die-wichtigsten-fakten

[3] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 17/6885 – Entwicklung der Weidehaltung in Deutschland, http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/070/1707003.pdf

[4] https://www.praxis-agrar.de/tier/rinder/milchviehhaltung-in-deutschland/#:~:text=Weidehaltung%20%E2%80%93%20vor%20allem%20auf%20mittelgro%C3%9Fen,als%20kleine%20und%20gro%C3%9Fe%20Betriebe

[5] Reijs, J. W. & Daatselaar, C. H. G. & Helming, J. F. M. & Jager, J. & Beldmann, A. C. G., 2013, Grazing dairy cows in North-West Europe – Economic farm performance and future developments with emphasis on the Dutch situation. https://www.wur.nl/upload_mm/b/b/3/dd5ba8e2-8543-453b-904d-0189ae8341c4_Rapport%202013-001%20Reijs_DEF_WEB.pdf

[6] https://www.schafzucht-niedersachsen.de/Schafzucht-Verbaende-Niedersachsen/index.php?option=com_content&view=article&id=627:wettbewerbsgleichheit-fuer-schafhalter&catid=95:nachrichten-alle-verbaende&Itemid=650&lang=de

[7] https://www.euractiv.de/section/landwirtschaft-und-ernahrung/news/stirbt-die-deutsche-schaeferei-aus/

[8] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 19/12203 – Bedeutung der Wanderschäferei für die Biodiversität in Deutschland, https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/127/1912778.pdf

[9] https://www.br.de/nachrichten/bayern/zerstoeren-und-gleich-wieder-aussaeen-der-irrsinn-um-gruenland,SBCgkQ6

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

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