Pestizidverbrauch: Absatz an biokonformen Pflanzenschutzmitteln steigt und Absatz an chemischen Pflanzenschutzmitteln sinkt

Googelt man den Begriff „Pestizide“, dann werden einem tausende von Artikeln angezeigt. Von Gift auf den Feldern und Gift im Essen ist dort die Rede. Unzählige NGOs haben sich dem Kampf gegen den Einsatz von sogenannten „Pestiziden“ in der Landwirtschaft verschrieben und zu einem gut funktionierenden Geschäftsmodell gemacht. Doch was ist dran an den Vorwürfen? Im Folgenden Beitrag werde ich die aktuellsten Verkaufszahlen von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland analysieren und der Frage nachgehen, ob der Absatz in den letzten Jahrzehnten wirklich stark gestiegen ist und ob der ökologische Landbau die besseren Pflanzenschutz-Alternativen bietet.

Entwicklung der Absatzmengen im Pflanzenschutz

Insgesamt wurden im Jahr 2018 etwa 89.262 Tonnen Pflanzenschutzmittel (ohne inerte Gase im Vorratsschutz) im Inland abgegeben. Davon entfielen 83.842 Tonnen auf berufliche Anwender, sprich die Landwirtschaft. Darunter waren 6.909 Tonnen Pflanzenschutzmittel (rund 8%), die im ökologischen Landbau einsetzbar sind. Rein auf die Wirkstoffe bezogen, wurden im Jahr 2018 im Inland 29.591 Tonnen beziehungsweise 29.150 Tonnen für die beruflichen Anwender, verkauft. Darunter waren 3.684 Tonnen Wirkstoffe (rund 12%), die im ökologischen Landbau einsetzbar sind. Die inerten Gase (Kohlenstoffdioxid (CO2)), die im Vorratsschutz eingesetzt werden, wurden bei dieser Betrachtung bewusst herausgerechnet, weil sie in geschlossenen Räumen und nicht im Freien angewendet werden[1].

Auffällig ist, dass knapp 50 Prozent der im Inland abgegebenen Wirkstoffe auf dem Wirkungsbereich Herbizide, d.h. Unkrautvernichtungsmittel, entfallen. Knapp 40 Prozent entfallen auf Fungizide, 7 Prozent auf Wachstumsregler und etwa 3 Prozent auf Insektizide und Akarizide.

https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/pflanzenschutzmittelverwendung-in-der#absatz-von-pflanzenschutzmittel

Betrachten wir die Wirkstoffabsatzmengen im Inland, dann stellen wir fest, dass sich diese seit dem Jahr 2000 sogar um knapp 2 Prozent reduziert hat. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die abgegebene Wirkstoffmenge aufgrund unterschiedlicher Faktoren, wie beispielsweise Witterung, Wirkstoffverfügbarkeit oder saisonalem Schaderregerauftreten, von Jahr zu Jahr stark schwankt[2]. Insgesamt lässt sich aber feststellen, dass sich die Gesamtabsatzmengen auf einem relativ konstanten Niveau bewegen.

„Wenn wir Insektenschutz ernst meinen, müssen wir den Einsatz von Pestiziden aller Art deutlich verringern“

BMin Svenja Schulze, SPD
10.10.2018 | Pressemitteilung Nr. 196/18, https://www.bmu.de/pressemitteilung/umweltministerin-schulze-schlaegt-massnahmen-gegen-das-insektensterben-vor/

Ist der ökologische Landbau besser?

Ganz besonders interessant ist, dass die Absatzmenge der Wirkstoffe, die im ökologischen Landbau einsetzbar sind, seit Jahren kontinuierlich zunimmt, während die Gesamtwirkstoffmenge, wie beschrieben schwankt, aber insgesamt relativ konstant bleibt. Im Vergleich der Jahre 2015, wo 3.073 Tonnen (ohne inerte Gase)[3] Wirkstoffe für den ökologischen Landbau abgesetzt wurden, bis zum Jahr 2018 wuchs die Wirkstoffabsatzmenge um immerhin knapp 20 Prozent. Das ist damit zu erklären, dass die Anbaufläche im ökologischen Landbau in Deutschland von 2015 bis 2018 von etwa 1 Millionen Hektar auf etwa 1,5 Millionen Hektar um knapp 40 Prozent gewachsen ist[4].

https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/oekologischer-landbau

Es fällt auf, dass die Absatzmenge von Wirkstoffen, die im ökologischen Landbau einsetzbar sind, 2018 mit einem Anteil von 12 Prozent recht hoch war. Insbesondere wenn man bedenkt, dass der ökologische Landbau 2018 nur einen Anteil von 9,1 Prozent an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche hatte[5]. Das muss erstmal nichts bedeuten, weil zugelassene Pflanzenschutzmittel mit Wirkstoffen, die im ökologischen Landbau erlaubt sind, selbstverständlich auch von modern bewirtschafteten Betrieben eingesetzt werden können. Dazu werden keine offiziellen Statistiken erhoben.

Jedoch gibt es Indizien, die darauf hindeuten, dass im ökologischen Landbau mindestens genauso viele Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, wie in der modernen Landwirtschaft. So wurde beispielsweise kürzlich eine Eurostat-Statistik veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in Österreich von 2011 bis 2018 um 53 Prozent angestiegen sei[6]. In Hinblick darauf, dass der Anteil des ökologischen Landbaus an der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Österreich 2018 immerhin etwa 25 Prozent betrug, ist das ein beachtlicher Anstieg[7]. Der „Grüne Bericht“ des zuständigen österreichischen Bundesministeriums macht deutlich darauf aufmerksam, dass dieser Anstieg vor allem auch mit der verstärkten Vermarktung von Präparaten für den ökologischen Landbau zu tun habe[8].

„Entgegen landläufiger Darstellungen können beispielsweise nur 13 Prozent der Veränderung der Diversität der Insekten auf Pestizide zurückgeführt werden.“

(Wissenschaftlicher Beirat des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, März 2019)
01. Okt 2019 Pressemitteilung Nr. 198/2019, https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2019/198-stellungnahme-pflanzenschutz.html

Mein persönliches Fazit

Ich denke generell kann festgehalten werden, dass Pflanzenschutzmittel für die Landwirtschaft unverzichtbar sind. Da ist auch der ökologische Landbau keine Ausnahme. Und es spielt auch keine Rolle, ob es sich um chemisch-synthetische oder chemisch-natürliche (bio-konforme) Pflanzenschutzmittel handelt. Beide erfüllen den Zweck die Ernten zu sichern und tragen damit maßgeblich zu unserer Ernährungssicherheit bei.

Leider liegt in der öffentlichen Debatte das Hauptaugenmerk bei Pflanzenschutzmitteln immer auf den angeblichen Umwelt- und Gesundheitsrisiken. Dabei sind natürlich nur die chemisch-synthetischen Mittel gemeint. Als besonderes „Schreckgespenst“ muss beispielsweise immer wieder Glyphosat herhalten (siehe auch meinen Artikel „Faktencheck GLYPHOSAT“). Dabei spielt es für das Gefahrenpotential eines Stoffes überhaupt keine Rolle, ob dieser natürlichen Ursprungs ist oder chemisch hergestellt wurde. So werden beispielsweise auch mit den im ökologischen Landbau zugelassenen Insektiziden Schädlinge bekämpft. Ohne solche Mittel wäre die Schädlingsbekämpfung zum Schutz der Pflanzen ja auch gar nicht möglich.

Grundsätzlich sind gründliche Risikobewertungen, die auf wissenschaftlichen Fakten basieren, zu begrüßen und unersetzlich. Aber ich denke, dass wir auf diesem Gebiet in Deutschland bereits die höchsten Standards erfüllen und deshalb wenig Grund zur Sorge haben sollten.

Ich würde daher mir ein „Abrüsten“ in der öffentlichen Debatte rund um das Thema Pflanzenschutzmittel wünschen. Das würde schon damit anfangen, dass nicht mehr von „Pestiziden“ gesprochen wird, sondern nur noch von „Pflanzenschutzmitteln“. Der Begriff Pestizide ist m.E. eine völlig falsche Übersetzung des englischen Begriffs „Pesticide“ und wird nur deshalb so gern verwendet, weil er negativ konnotiert ist. Irgendwie ist es Schade, dass der Tierschutz in unserer Gesellschaft eine so große Rolle spielt (Gott sei Dank!), aber der Pflanzenschutz öffentlich doch eher „stiefmütterlich“ diskutiert wird.


[1] Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL), 2020, Absatz an Pflanzenschutzmitteln in der Bundesrepublik Deutschland Ergebnisse der Meldungen gemäß § 64 Pflanzenschutzgesetz für das Jahr 2018, https://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/04_Pflanzenschutzmittel/meld_par_64_2018.pdf;jsessionid=156AFE96B226F59F171DBE2576736312.1_cid369?__blob=publicationFile&v=3

[2] https://evolution2green.de/sites/evolution2green.de/files/documents/2017-01-e2g-pestizideinsatz_in_der_landwirtschaft-adelphi_0.pdf

[3] https://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/04_Pflanzenschutzmittel/meld_par_64_2015.pdf?__blob=publicationFile&v=4

[4] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/160255/umfrage/landwirtschaft—oekologisch-bewirtschaftete-flaeche/

[5] https://www.thuenen.de/de/thema/oekologischer-landbau/aktuelle-trends-der-deutschen-oekobranche/oekolandbau-in-zahlen/#:~:text=Daten%20%26%20Fakten&text=Ende%202018%20gab%20es%20in,1%20%25%20der%20gesamten%20landwirtschaftlichen%20Nutzfl%C3%A4che

[6] https://ec.europa.eu/eurostat/de/web/products-eurostat-news/-/DDN-20200603-1?inheritRedirect=true&redirect=%2Feurostat%2Fde%2Fhome

[7] https://www.bmlrt.gv.at/land/bio-lw/zahlen-fakten/Bio_Produktion.html#:~:text=Hektar%20biologisch%20bewirtschaftet.&text=Im%20Jahr%202018%20gab%20es,davon%20rund%2013.000%20ha%20Ackerland.

[8] Grüner Bericht 2019 – Die Situation der österreichischen Land- und Forstwirtschaft, https://gruenerbericht.at/cm4/jdownload/send/2-gr-bericht-terreich/2007-gb2019

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

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