Landwirtschaft und Artenschutz funktionieren nur gemeinsam – Zielartenschutz statt Verbotspolitik

Das jüngst im Bundeskabinett beschlossene Insektenschutzgesetz sorgte für heftige Kritik aus der Landwirtschaft. Ohne wissenschaftliche Folgenabschätzung soll nun die Landwirtschaft durch neue Verbote und Auflagen allein für den Schutz und Erhalt der Insektenvielfalt sorgen. Und das, obwohl es in der Vergangenheit regional bereits eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Naturschutz gab, dessen Förderfähigkeit nun bedroht ist. Vor allem kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben droht durch die neuen kostenträchtigen Einschränkungen das Aus. In diesem Blogbeitrag möchte ich deshalb einen alternativen Ansatz für einen effektiven Artenschutz aufzeigen.

Mitteleuropas Landschaft ist eine Kulturlandschaft

Zunächst müssen wir die Historie der Landschaftsentwicklung Mitteleuropas näher betrachten. Aufgrund der Gebirge im Süden gab es bei Ausbruch der Eiszeiten wenig Ausweichmöglichkeiten für die mitteleuropäischen Tier- und Pflanzenarten, die sich im Laufe des Tertiärs entwickelt haben. Das führte dazu, dass die endemische mitteleuropäische Fauna und Flora durch die Eiszeiten größtenteils vernichtet wurde. Die heute bei uns in Mitteleuropa lebenden Tier- und Pflanzenarten sind überwiegend postglazial aus Ländern außerhalb Mitteleuropas (v.a. Osteuropa, Westasien, Mediterranraum) eingewandert. Unsere mitteleuropäischen Arten sind also weitestgehend nicht endemisch bzw. es sind keine eingeborenen, alteingesessenen Arten. Sie stammen überwiegend aus Regionen mit lichten, aufgelockerten Wäldern und Steppen. Beispielsweise kamen Hasen und Lerchen aus den Steppen Westasiens und Kaninchen aus den Offenländern Spaniens zu uns. Und nahezu alle Tagfalter Mitteleuropas sind Bewohner der Offenländer oder Lichtwälder, die aus Südfrankreich, Spanien, Marokko oder dem Balkan eingewandert sind[1].

Begünstigt wurde die Einwanderung dieser Offenland-Arten durch die Beeinflussung der Bewaldung nach der letzten Eiszeit. Mit Siedlungsbau, Ackerbau, Viehzucht, Rodungen und gezielt angelegten Bränden gestaltete der Mensch aktiv die Landschaft Mitteleuropas in der Jungsteinzeit und Bronzezeit. So entstanden Lebensräume, die denen ähnelten, die diese Arten aus ihren Ursprungsländern kannten. Es war also der Mensch, der die Grundlage für den Aufbau des postglazialen mitteleuropäischen Artenreichtums schuf. Den Höhepunkt erreichte die Artenvielfalt Mitteleuropas in den Agrarsteppen und ausgelichteten Wäldern früherer Jahrhunderte bis vor ca. 150 Jahre[2]. Es ist dieser damals entstandene Reichtum an Biodiversität, der sich heute in den Roten Listen wiederfindet. Und es waren diese besonderen Umstände, die Mitteleuropa hinsichtlich der Artenvielfalt zu einer Ausnahme im Vergleich zu anderen Teilen der Welt macht.

Ursachen des gegenwärtigen Artenschunds

Es lässt sich nicht leugnen, dass wir gegenwärtig einen Artenschwund in Mitteleuropa erleben. Neben vielen weiteren Ursachen dürfte dieser auf das Verschwinden von kargen Bodenflächen zurückzuführen sein. Da es sich, wie bereits beschrieben, bei der Großteil der heimischen Arten um Offenlandarten handelt, ist es vor allem die derzeit stark zunehmende dichte Vergrasung, Verbuschung und Verwaldung unserer Landschaft durch Nährstoffüberschuss (Eutrophierung), die eine Hauptschuld am Verschwinden so vieler dieser Arten trägt[3]. Um die gefährdeten Arten zu schützen, wäre es daher zielführend, wenn lichte Wälder und Steppen geschaffen werden. Das von Naturschützern propagierte „Natur Natur sein lassen“ – also die natürliche Landschaftsentwicklung – ist vor diesem Hintergrund zwar eine Naturschutzmaßnahme, aber keine Artenschutzmaßnahme. Dadurch würden dichte hohe Dunkelwälder entstehen, d.h. nicht die Habitate, die die heute bei uns gefährdeten Arten bevorzugen.

Innovativer Ansatz – Zielartenschutz

Prof. Werner Kunz schlägt aufgrund dieser Voraussetzungen ein gezieltes Habitat-Management vor, um die Artenvielfalt im Offenland gemeinsam mit der Landwirtschaft zu verbessern. Die meisten der heutigen Auflagen und Verbote, die dem Artenschutz dienen sollen, erschweren seiner Ansicht nach die Landwirtschaft (vor allem auch durch den anfallenden Bürokratieaufwand), mindern die Erträge und sind nicht effektiv genug. Diese Maßnahmen nützen nur einem geringen Prozentsatz der verlorenen Arten. So helfen die gegenwärtigen Vorschriften beispielsweise zwar Lerchen und Hasen, aber schon beim Rebhuhn und Kiebitz bleiben die Erfolge aus. Blühstreifen helfen bei den Tagfaltern höchstens 10 Arten, obwohl in den letzten Jahrzehnten etwa 5ß Arten selten geworden sind oder lokal verschwunden sind). Was diese Arten brauchen sind Magerböden. Auch die meisten Insekten benötigen Magerflächen als Habitate.

Das Problem dabei ist, dass es auf den Agrarflächen keine (oder kaum) ungenutzten Säume, Ränder und Böschungen mehr gibt. Außerdem kann die Düngung nicht soweit runtergeschraubt werden, wie es für eine reiche Artenvielfalt nötig wäre. Zumindest nicht ohne die Eigentumsrechte der Landwirte völlig zu ignorieren, die Böden auszulaugen und die landwirtschaftlichen Ernten massiv zu reduzieren. Das kann also keine seriöse Option sein. Was aber eine Lösung sein könnte wäre der Zielartenschutz, d.h. das Anlegen von Sonderflächen für ausgesuchte Arten. Landwirte könnten mit ihren Geräten und ihrem technischen Know-how ausgewählte und begrenzte Sonderflächen (Ausgleichsflächen) anlegen, die aus den landwirtschaftlichen Produktionsflächen herausgenommen werden und auf die Bedürfnisse ausgewählter Arten zugeschnitten werden.

So könnten die benötigten nährstoffarmen Flächen durch Abtragen der Vegetation geschaffen werden, auf denen sich beispielsweise Wildbienen und andere Insekten zu Hause fühlen. Auf den übrigen Flächen könnte dann wie gehabt eine ertragsoptimierte Landwirtschaft fortgesetzt werden. Dieser Weg ist hinsichtlich der Artenvielfalt ausgesprochen effektiv, jedoch auch sehr kostenintensiv, da sich die Durchführung dieser Form des Artenschutzes für den jeweiligen Landwirt lohnen muss[4]. Prof. Kunz betont, dass Erfolg eines solchen Artenschutzes nicht nur rein hypothetisch ist. So wurden auf Militärgeländen und Rohstoff-Abbauflächen durch die maschinelle Entfernung dichter Bodenvegetation und die weitgehende Entbuschung der Flächen bereits viele geeignete Habitate für besonders gefährdete Arten hergestellt[5]. Allerdings passen Militärgelände und Tagebauflächen nicht in das im Naturschutz vorherrschende Denken, dass für den Artenschutz die Natur sich selbst überlassen werden soll. Auch steht die für einen gezielten Artenschutz notwendige künstliche Schaffung von Offenflächen diametral den Zielen des Klimaschutzes entgegen, nach denen durch eine großflächige Aufforstung möglichst viel CO2 gebunden werden soll. Für einen seriösen und effektiven Artenschutz muss jedoch erkannt werden, dass es Kompromisslösungen zwischen Umwelt-, Natur-, Arten- und Klimaschutz geben muss[6].

Mein persönliches Fazit

Wir dürfen die heimischen Landwirte nicht länger mit unverhältnismäßigen Auflagen und Verboten belasten, so wie beispielsweise jüngst mit dem „Insektenschutzgesetz“. Kooperative Lösungen zwischen Landwirtschaft und Naturschutz sind stets zu bevorzugen. Umwelt-, Natur- und Artenschutz kostet Geld und kann es nicht umsonst geben. Der vorgestellte Zielartenschutz nach der Vorstellung von Prof. Kunz vereint die landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsgütern und die Erhaltung und Neuansiedlung von (gefährdeten) Arten. Ich sehe hier gewaltige Potentiale!

Jedoch müssen wir uns auch von dem Gedanken verabschieden, dass eine indigene, ursprüngliche Natur dem Schutz und Erhalt der Artenvielfalt dient. Das Gegenteil ist der Fall, wie ich ausführlich dargelegt habe. Andererseits stehen technisch manipulierte Offenland-Habitate vielleicht im Widerspruch mit Zielen des Umwelt-, Natur- oder Klimaschutzes. Klar ist zumindest, dass beides nicht  miteinander vereinbar ist. Flächen, die langfristig der Natur überlassen werden, werden nicht automatisch besonders artenreich. Die Ursachen für das verschwinden bestimmter Arten liegen in den meisten Fällen eben nicht im Fehlen einer „ursprünglichen Natur“.

Was ist eure Meinung zum Thema Landwirtschaft und Artenschutz? Waren euch die beschriebenen Zusammenhänge bekannt? Was haltet ihr vom Zielartenschutz als eine gut bezahlte Alternative zur bisherigen Verbotspolitik? Schreibt mir dazu gerne in die Kommentare!


[1] Schmitt, T. (2009): Mediterran, kontinental und arkto-alpin: Die drei biogeografischen Grundmuster  Europas  und  des  Mittelmeerraumes  am  Beispiel  von  Schmetterlingen.  –  Entomologie  heute 21, 3-19; Schmitt, T. (2011):  Einwanderungsrouten  nach  Mitteleuropa. Schmetterlinge – wer kommt, wer geht? – Biologie in unserer Zeit 41, 324-332.

[2] Segerer,  A.  H.  &  E.  Rosenkranz  (2017):  Das große Insektensterben. – München

[3] Flade, M., Plachter, H., Henne, E. & Anders, K. 2003: Naturschutz in der Agrarlandschaft. Wiebelsheim

[4] https://www.kunz.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Mathematisch-Naturwissenschaftliche_Fakultaet/Biologie/Institute/weitere_und_ehemalige_Dozenten/Prof._Dr._Kunz/Jahr_2019/Baunatal_2020_Vortrag.pdf

[5] Kunz, W. (2004): Der Braunkohletagebau als Ort der  Wiederansiedlung  seltener  Tagfalter  und  anderer Organismen – Was wird durch Rekultivierung zerstört? – Entomologie heute 16, 245-255; Kunz,  W.  (2013):  Artenförderung  durch  technische  Gestaltung  der  Habitate  –  Neue  Wege  für  den Artenschutz. – Entomologie heute 25, 161-192

[6] https://www.kunz.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Mathematisch-Naturwissenschaftliche_Fakultaet/Biologie/Institute/weitere_und_ehemalige_Dozenten/Prof._Dr._Kunz/Jahr_2019/6798_Artenschutzreport_2019.pdf

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

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