Landwirtschaft mit Zukunft – Warum wir eine grundlegende Reform der Agrarförderung benötigen

Derzeit verhandeln die EU-Agrarminister intensiv über die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2022-2027. Bundeslandwirtschaftsministern Julia Klöckner (CDU) will die Verhandlungen noch in diesem Herbst abschließen und eine politische Einigung unter den EU-Staaten erzielen.  Mit einem Anteil von 38 Prozent stellen die Mittel für die Finanzierung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) den größten Ausgabenblock im EU-Haushalt dar. Für jedes Jahr sind rund 58 Mrd. Euro für Agrarausgaben eingeplant. Dabei geht der größte Teil der Mittel in Form von Direktzahlungen direkt an die Landwirte. Nach derzeitigem Verhandlungsstand wird es nur kleinere Nachjustierungen bei der Agrarförderung geben. Im Großen und Ganzen wird das bestehende Agrarfördersystem weiterbetrieben werden. Das ist schade, denn die Verhandlungen für die neue GAP-Förderperiode bietet die Chance darüber nachzudenken, welche Landwirtschaft wir in Zukunft wollen und welche Landwirtschaft wir uns in Deutschland leisten wollen.

Herausforderungen für die Landwirtschaft

Da es sich bei den meisten landwirtschaftlichen Erzeugnissen um austauschbare, homogene Rohstoffe (Commodities) handelt, werden die Marktpreise in der Regel auf dem Weltmarkt festgelegt. Dementsprechend sind globale Ereignisse und Trends für die heimische Landwirtschaft von hoher Relevanz. Weltweit wächst seit einigen Jahren die landwirtschaftliche Produktion schneller als die Nachfrage. OECD und FAO gehen deshalb davon aus, dass die Preise der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse bis 2028 weiter fallen könnten und dadurch den Druck auf die Margen der Landwirte erhöhen[1].

Die Landwirtschaft wird nicht darum herumkommen sich noch stärker an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. So besteht beispielsweise das Risiko, dass extreme Wetterbedingungen künftig immer häufiger auftreten werden. Möglicherweise verändert sich sogar die Länge und der Zeitpunkt der Vegetationsperioden[2]. Angesichts dieser agrarpolitischen Herausforderungen sind Landwirtschaft und Politik gefordert, effektive und nachhaltige Lösungen zu finden. Dazu gehört, dass das Agrarfördersystem geeignet ist, auf globale Entwicklungen und Trends reagieren zu können. Und natürlich sollte auch der Umweltschutz eine wichtige Rolle spielen.

Vier verschiedene Modelle

Weltweit werden von den Ländern mit hohem Einkommen vier verschiedene Modelle in der Agrarpolitik angewendet. In der EU wird die Landwirtschaft derzeit mit von der Produktion entkoppelten Subventionen gefördert. Je Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche erhält der Landwirt eine Direktzahlung zur Einkommensstützung. Das bedeutet, dass es einen Anreiz zum Betriebswachstum gibt, der letztlich auch zu steigenden Bodenpreisen führt. Weiter können Landwirte für bestimmte Umweltleistungen Fördermittel beantragen.  Länder wie Japan und die Schweiz fördern ihre Landwirtschaft mit einem protektionistischen Wirtschaftsmodell. Einheimische Erzeugnisse werden durch Handelsschranken und hohe Verbraucherpreise gefördert. Das Modell ist ähnlich kostspielig wie die derzeitige EU-Agrarförderung, bietet aber den Vorteil, dass dadurch kleinere landwirtschaftliche Betriebe erhalten werden können. Die USA und Kanada setzen auf ein Versicherungsmodell, welches die Landwirte in Krisen unterstützt. Ein interessanter Ansatz, der aber ähnliche Kosten erzeugt wie die beiden zuvor genannten Modelle. In der Regel führt die Förderung von Versicherungen aber zu einem risikoorientierten Handeln und belohnt auch Fehlentscheidungen.

Quelle: Mitchell, I., 2017, „The Implications of Brexit for UK,  EU and Global Agricultural Reform  in the Next Decade“. https://www.chathamhouse.org/sites/default/files/publications/research/2017-11-02-Mitchell2_0.pdf

Neuseeland und Australien wiederum setzen auf einen marktorientierten Ansatz, bei dem es keine beziehungsweise kaum Fördermittel für die Landwirtschaft und gleichzeitig niedrige Handelsbarrieren gibt. Das ermöglicht eine hocheffiziente Landwirtschaft und niedrige Lebensmittelpreise. Der Nachteil ist, dass kleine und extensiv bewirtschaftete Betriebe nicht wettbewerbsfähig wirtschaften können[3].

Mein persönliches Fazit

Für mich ist klar, dass die derzeitige GAP gescheitert ist und nicht fortgesetzt werden sollte. Besonders kritisch ist meiner Meinung nach die fehlende Harmonisierung in der EU. Eine Gemeinsame Agrarpolitik macht nur Sinn, wenn in jedem EU-Mitgliedsstaat gleiche Standards und Förderbedingungen gelten. Davon sind wir weit entfernt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass dies je erreicht werden kann.

Vor einer Reform muss definiert werden, welche Ziele mit einer Agrarförderung verfolgt werden sollen. Für eine stärkere Liberalisierung des Agrarsektors sprechen niedrigere Verbraucherpreise und die Gewährleistung der Ernährungssicherheit durch diversifizierten Handel und Steigerung der Produktivität des Sektors. Dagegen spricht, dass dies das Höfesterben drastisch beschleunigen würde und es insgesamt deutlich weniger Betriebe in Deutschland geben würde. Das hätte auch Auswirkungen auf den ländlichen Raum.

Will man die Zahl der Höfe erhalten, dann könnte Protektionismus eine gute Alternative darstellen. In meinem Beitrag „ Dramatisches Höfesterben in der deutschen Landwirtschaft – Ursachen und mögliche Auswege“ habe ich dargelegt, dass die zunehmende Liberalisierung der Agrarmärkte und die Agrarförderung mittels an die Fläche gebundenen Direktzahlungen verfehlte Anreize liefern. Landwirtschaft wird nicht mehr ausschließlich zur Erzeugung marktfähiger Güter betrieben, sondern dient in erster Linie der Erlangung der Fördermittel. Das regt die Überproduktion an und ermöglicht es, dass Landwirte ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu Weltmarktpreisen, die i.d.R. niedriger als die Produktionskosten sind, verkaufen können beziehungsweise müssen. So kommt es, dass das Einkommen vieler Landwirte zu einem erheblichen Teil von den Agrarfördermitteln abhängig ist.

Nachteil von einem protektionistischen Wirtschaftsmodell wären höhere Verbraucherpreise. Jedoch werden wir nicht darum herumkommen, politische Veränderungen bei der Agrarförderung anzustoßen. Ein Binnenmarkt mit offenen Handelsgrenzen bei unterschiedlichen Produktionsbedingungen und -standards schafft ungleichen Wettbewerb. Bei einem „weiter so“ bliebe die deutsche Landwirtschaft der große Verlierer.

Wie seht ihr die Situation und wie sähe eurer Meinung nach die „perfekte“ Agrarförderung aus? Schreibt mir das gerne in die Kommentare!


[1] http://www.oecd.org/agriculture/oecd-fao-agricultural-outlook-2019/

[2] Thornton, P. &Ericksen, P. & Herrero, M. & Challinor, A. (2014), „Climate variability and vulnerability to climate change: a review“. Global Change Biology, 20. S. 3313–3328

[3] Mitchell, I., 2017, „The Implications of Brexit for UK,  EU and Global Agricultural Reform  in the Next Decade“. https://www.chathamhouse.org/sites/default/files/publications/research/2017-11-02-Mitchell2_0.pdf

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

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