Füllhorn Deutschland?– Womit sich Deutschland selbst versorgt

In diesem Blogbeitrag beleuchte ich den Selbstversorgungsgrad der deutschen Landwirtschaft. Was wird angebaut, was wird importiert? Und ginge das auch anders?

Was ist der Selbstversorgungsgrad?

Der Selbstversorgungsgrad zeigt an, wieviel Prozent unseres Nahrungsmittelverbrauchs wir selbst erzeugen. Er ergibt sich also aus der landwirtschaftlichen Eigenerzeugung geteilt durch den Verbrauch, wobei der Außenhandelsanteil herausgerechnet wird[1]. Im Fall einer Unterversorgung, d.h. weniger als 100 Prozent, sind Importe notwendig. Im Berichtsjahr 2017/18 lag der Selbstversorgungsgrad für Nahrungsmittel in Deutschland bei rund 88 Prozent. Deutschland musste also zusätzlich Nahrungsmittel importieren, um den eigenen Bedarf decken zu können[2].

Generell muss natürlich vorausgeschickt werde, dass es bei Agrarrohstoffen (Getreide, Obst, Gemüse, Kartoffeln etc.) erntebedingt zu starken jährlichen Schwankungen kommt. Ich werde mich im Folgenden auf die aktuellsten Zahlen konzentrieren, weil die Betrachtung der Selbstversorgungsgradentwicklungen den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde.

„Bei Kartoffeln, Getreide, Schweinefleisch, bei Käse und Frischmilchprodukten liegen wir in Deutschland bei einem Selbstversorgungsgrad von über 100 Prozent. Es kann aber nicht unser Ziel sein, das Angebot dahingehend zu reduzieren und ganz auf Importe zu verzichten.“

BMin Julia Klöckner (CDU), 18. April 2020[3]

Heimische Selbstversorgung

Den heimischen Bedarf kann Deutschland bei Schweinefleisch (119%), Weizen (107%), Weiß- und Rotkohl (105%), Konsummilch (111%), Frischmilcherzeugnisse (117%), Käse (126%), Zucker (161%) und Kartoffeln (138%) decken. Bei diesen Produkten wird teilweise deutlich mehr erzeugt als verbraucht. Die Überschüsse können exportiert werden.

Knapp unter einem Selbstversorgungsgrad von 100 Prozent liegt Deutschland bei Rindfleisch (98%), Geflügelfleisch (99%), Getreide (91%), Blumen-, Grünkohl und Broccoli (83%), Möhren, Karotten, Rote Rüben (81%), Porree (84%), Spargel (85%), Kopf-/Eisbergsalat (86%) und Eiern (72%). Hier ist Deutschland auf Importe angewiesen, um den Bedarf zu decken.

Ganz anders sieht die Situation bei Obst (22%), Zitrusfrüchten (31%), den nicht genannten Gemüsearten (36%), Körnermais (42%), Ölsaaten  (45%), Ölen und Fetten (28%) sowie Ölkuchen (23%) aus. Der Selbstversorgungsgrad von Obst ist relativ konstant zu dem von vor 30 Jahren, während er bei Gemüse im gleichen Zeitraum sogar gesunken ist[4]. Hier ist Deutschland strukturell stark auf Importe angewiesen. Das hat natürlich unterschiedliche Gründe. Exotische Früchte, wie beispielsweise Bananen und Avocados, wachsen auf den heimischen Standorten leider nicht. Die Konsumgewohnheiten der Bevölkerung spielen auch eine Rolle. Es ist zur Gewohnheit geworden, dass Obst und Gemüse nicht mehr saisonal verzehrt werden, sondern das ganze Jahr angeboten werden.

Der inländische Pro-Kopf-Verbrauch

  • Der Durchschnittsdeutsche isst immer weniger Fleisch. Erstmals seit 20 Jahren wurde 2019 nur 59,5 Kilogramm pro Jahr und Kopf verzehrt. Das entspricht einem Rückgang zum Vorjahr von 2,5 Prozent. Am beliebtesten bei den Deutschen ist mit Abstand Schweinefleisch (34,1 kg). Danach kommen Geflügel (13,8 kg) sowie Rind- und Kalbsfleisch (10 kg). Schaf- und Ziegenfleisch (0,6 kg) ist weit abgeschlagen und Innereien werden kaum verzehrt (0,2 kg)[5] .
  • Mit 50,6 Liter wird in Deutschland recht viel Konsummilch verzehrt. Der Konsum ist in den letzten Jahren leicht gesunken, bleibt jedoch weitestgehend konstant. Der Verbrauch von Frischmilcherzeugnissen ist ebenfalls leicht rückläufig und liegt nur noch bei  88,2 Kilogramm. In den vergangenen Jahren waren es immer mehr als 90 Kilogramm. Sauermilch- und Milchmischgetränke (29,9 kg) und Käse (24,1) sind bei uns ebenfalls sehr beliebt (30 kg)[6].
  • Der Durchschnittsdeutsche konsumiert 77,5 Kilogramm Getreide pro Jahr. Seit 2013 ist dieser Wert einigermaßen konstant. 1950 waren es noch 99,9 Kilogramm. Der niedrigste Verbrauch war 1970 mit 66 Kilogramm[7].
  • Der Verzehr von Obst ist in den letzten 5 Jahren von 63,3 auf 73,6 Kilogramm pro Kopf und Jahr  um fast 10 Kilogramm gestiegen. 2011 waren es sogar nur 48,1 Kilogramm. Beliebtestes Obst bei den Deutschen ist nach wie vor der gute alte Apfel (25,5 kg), gefolgt von Bananen (11,4 kg) und Tafeltrauben (4,8 kg)[8].
  • Auch der Verzehr von Gemüse steigt. Waren es 2015 noch 93,8 Kilogramm pro Kopf und Jahr, sind es heute 96,9. Mit Abstand am beliebtesten sind Tomaten (27,2 kg), Möhren, Karotten und Rote Rüben (9,5 kg) sowie Speisezwiebeln (8 kg). Insbesondere Tomaten müssen in großem Stil importiert werden, weil der heimische Selbstversorgungsgrad für Tomaten nur bei 4 Prozent liegt[9].
  • Der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker liegt bei etwa 37 Kilogramm. Es lässt sich eine eher stagnierende Entwicklung des Pro-Kopf-Verbrauchs in den letzten 7 Jahren erkennen[10].

Futtermittel

In Deutschland werden jährlich knapp 83 Millionen Tonnen Futtermittel benötigt. Der Selbstversorgungsgrad bei Futtermitteln ist mit 93 Prozent recht hoch. Das Tierfutter setzt sich aus 54 Prozent Grünlandaufwuchs (Gras und Grasprodukte), 24 Prozent Mischfutter und 22 Prozent hofeigenem Getreide sowie zugekauften Einzelfuttermitteln zusammen. Nur sieben Prozent des Futters, überwiegend Ölkuchen und -schroten (v.a. Soja), muss importiert werden[11].

Für die Eiweißversorgung der Nutztiere in Deutschland sind derzeit pro Jahr knapp 8,4 Millionen Tonnen verdauliches Rohprotein erforderlich, wovon 6,5 Millionen Tonnen (77,8 Prozent) verdauliches Rohprotein aus dem heimischen Rauh- und Saftfutter, dem wirtschaftseigenen Getreide und heimischen Nebenprodukten der Rapsölgewinnung, der Lebensmittelverarbeitung und der Bioethanolgewinnung sowie Körnerleguminosen wie Erbsen, Ackerbohnen und Lupinen stammen. Der Importbedarf in Höhe von knapp 1,9 Millionen Tonnen (22,2 Prozent) verdaulichem Rohprotein wird zu mehr als 75 Prozent über den Import von Sojabohnen (circa 3 bis 4 Millionen Tonnen) und Sojaextraktionsschrot (circa 2 Millionen Tonnen) gedeckt[12]. Allein für die deutschen Sojaimporte wird auf knapp 1,3 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche Soja im Ausland angebaut[13]. Eine Selbstversorgung in Bezug auf Eiweiß ist in Deutschland und Europa unter den derzeitigen Rahmenbedingungen praktisch und ökonomisch kaum machbar. Der Anbau von heimischem Soja nimmt zwar regional zu, allerdings sind die Erntemengen noch nicht nennenswert. Darüber hinaus fehlen noch standardisierte und schonende Aufbereitungsanlagen[14].

Sonderfall Schweinefleisch

Wie bereits erwähnt, liegt der Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch bei 119 Prozent. Jährlich werden etwa 2,4 Millionen Tonnen Schweinefleisch exportiert[15]. Allerdings werden bei uns hauptsächlich die Edelteile verzehrt. Deshalb müssen gleichzeitig etwa 1,2 Millionen Tonnen Schweinefleisch importiert werden[16]. Oder anders ausgedrückt: Zieht man von der Schweinefleisch-Bruttoerzeugung (4,7 Mio. t) den inländischen Verbrauch ab (3,9 Mio. t), dann bleibt ein Überschuss von nur 790.800 Tonnen.

Deutschland hat übrigens einen Selbstversorgungsgrad bei Innereien von etwa 900 Prozent. Diese werden fast vollständig exportiert, weil Innereien bei uns leider nicht mehr gerne verzehrt werden[17].

Mein persönliches Fazit

Insgesamt kann festgestellt werden, dass wir in Deutschland eine sehr produktive Landwirtschaft haben. Bei Schweinefleisch, Weizen, Weiß- und Rotkohl, Milch, Zucker und Kartoffeln produzieren wir mehr als wir verbrauchen. Die Überschüsse können wir exportieren. Eine besonders hohe Importabhängigkeit haben wir beispielsweise bei Obst, Gemüse, Körnermais und Ölsaaten. Letztere werden v.a. für Futtermittel benötigt. Dort ist der Selbstversorgungsgrad zwar sehr hoch, aber die „Eiweißlücke“ kann derzeit nicht durch die eigene Produktion geschlossen werden.

Deutschland ist hinsichtlich der landwirtschaftlichen Produktion ein Gunststandort. Aus diesem Grund ist es unverständlich, dass die Bundesregierung die Landwirtschaft seit Jahren mit einer wahren Regulierungsflut überzieht. Äußerst bedenklich sind die Bestrebungen, den Anteil des ökologischen Landbaus zu erhöhen. Dadurch würden die Erträge pauschal um etwa 50 Prozent sinken und sich der Importbedarf noch weiter erhöhen. Gleiches gilt für den „Flächenfraß“, durch den täglich knapp 60 Hektar „verbaut“ werden, den Anbau von Energiemais für Biogasanlagen und das Aufstellen von Photovoltaikanlagen auf landwirtschaftlichen Flächen.

Wie bewertet ihr den derzeitigen Selbstversorgungsgrad in Deutschland? Und welche Gefahren seht ihr in steigender Importabhängigkeit? Ist mehr „Umweltschutz“ zu Lasten der landwirtschaftlichen Produktion wirklich erstrebenswert, wenn dadurch die Importe zunehmen müssen? Stichwort Mercosur-Abkommen, wo höchstwahrscheinlich viel Regenwald für unseren Konsum abgeholzt werden wird. Welche Auflagen und Vorschriften können eurer Meinung weg? Wo muss politisch gehandelt werden?


[1] https://www.bmel-statistik.de/ernaehrung-fischerei/versorgungsbilanzen/

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/659012/umfrage/selbstversorgungsgrad-mit-nahrungsmitteln-in-deutschland/

[3] https://www.welt.de/politik/deutschland/article207331299/Julia-Kloeckner-Aufrufe-zum-Konsum-Nationalismus-schaden-uns.html

[4] https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/GBT-0070010-0000.pdf

[5] https://www.bmel-statistik.de/ernaehrung-fischerei/versorgungsbilanzen/fleisch/

[6] https://milchindustrie.de/wp-content/uploads/2018/11/ProkopfDeutschland_Mopro_2010-2018x_Homepage.pdf

[7] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/175412/umfrage/pro-kopf-verbrauch-von-getreideerzeugnissen-mehlwert-in-deutschland-seit-1935/

[8] https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/GBT-0070002-2019.pdf

[9] https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/GBT-0070004-2019.pdf

[10] https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/BZL/Daten-Berichte/Zucker/2019BerichtZucker.pdf?__blob=publicationFile&v=2, S. 18

[11] https://www.dvtiernahrung.de/aktuell/futterfakten/futtermittel-fuer-nutztiere.html

[12] https://www.agrarheute.com/management/finanzen/92-prozent-futters-stammt-deutschland-459838

[13] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE. „Einsatz von Eiweißpflanzen für eine nachhaltige Landwirtschaft“ auf Bundestagsdrucksache 19/9896, S. 15

[14] https://www.agrarheute.com/management/finanzen/92-prozent-futters-stammt-deutschland-459838

[15] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/215605/umfrage/entwicklung-der-exporte-von-schweinefleisch-aus-deutschland/

[16] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/215584/umfrage/entwicklung-der-importe-von-schweinefleisch-nach-deutschland/

[17] https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/BZL/Daten-Berichte/Fleisch/2019BerichtFleisch.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

Eine Antwort auf „Füllhorn Deutschland?– Womit sich Deutschland selbst versorgt“

  1. Vielen Dank für den interessanten und vertrauenswürdigen Artikel.

    Wie sieht es mit alkoholischen Getränken aus? Wir waren überrascht, zu lesen, dass Deutschland keine Tafeltrauben produziert. Trauben werden demnach nur zur Weinproduktion verwendet.
    Der Vergleich zwischen produzierter, konsumierter und exportierter Menge wäre interessant. Zum Beispiel: einerseits wird das in Deutschland produzierte Weizen zu Bier verarbeitet und exportiert; andererseits werden Nudeln aus in Italien produziertem Weizen importiert. Während der Pandemie wurden Nudeln rationiert. Aktuell ist Mehl rationiert. Woher kommt das, wenn doch Deutschland insgesamt genug Weizen zur Selbstversorgung produziert?

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