EU Green Deal: Schlechter Deal für den Planeten (Teil 2)

Im Dezember 2019 kündigte die EU mit dem „Green Deal“ ein umfangreiches Maßnahmenpaket an, um Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Der Plan beinhaltet unter anderem Ziele zur Reduzierung der CO2-Emissionen und Verbesserung der Wälder, Landwirtschaft, umweltfreundlicher Transport, Recycling und erneuerbare Energien. Die EU wolle „dem Rest der Welt zeigen, wie man nachhaltig und wettbewerbsfähig“ sei, wie Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission, sagte. Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) zeigten kürzlich in einem in der Zeitschrift Nature veröffentlichtem wissenschaftlichen Artikel auf, dass der Green Deal jedoch eher ein schlechter Deal für den Planeten zu werden droht.

Denn die EU ist in erster Linie stark von Agrarimporten abhängig. Die Importe kommen überwiegend aus Ländern mit weniger strengen Umweltauflagen. Das ist vor allem auch deshalb möglich, weil die EU-Handelsabkommen bisher nicht vorsehen, dass Importe nachhaltig produziert werden. In den vergangenen 18 Monaten wurden Handelsabkommen mit den USA, Indonesien und Malaysia abgeschlossen. Weitere Abkommen mit den Mercosur-Staaten, Australien und Neuseeland liegen bereits auf dem Tisch. Jedes dieser Länder definiert Nachhaltigkeit anders. Viele verwenden Pflanzenschutzmittel und gentechnisch veränderte Organsimen, die in der EU streng begrenzt oder verboten sind. Solange das so bleibt, verlagern wir unsere Umweltschäden also einfach nur in diese Länder.

Beispielsweise wuchsen die europäischen Wälder zwischen 1990 und 2014 um 9%, was ungefähr 13 Millionen Hektar oder der Größe Griechenlands entspricht. Im gleichen Zeitraum wurden anderswo auf der Welt etwa 11 Millionen Hektar Wald abgeholzt, um auf diesen Flächen Agrargüter für die EU anzubauen. Überwiegend war tropischer Regenwald in Brasilien und Indonesien von dieser Entwaldung betroffen, um die Ölsaatenproduktion auszuweiten. Der Regenwald bietet nicht nur für unzählige Arten einen wichtigen Lebensraum, sondern ist auch eine der größten Kohlenstoffsenken der Welt und damit entscheidend für die Eindämmung des Klimawandels. Wenn der Green Deal die weltweite Nachhaltigkeit verbessern soll, dann müssen solche katastrophalen Auswirkungen vermieden werden.

Im Rahmen des Green Deal soll die Landwirtschaft in der EU drastisch umgebaut werden. Künftig soll deutlich extensiver gewirtschaftet werden: Düngemittel sollen bis 2030 um 20% und Pflanzenschutzmittel um 50% reduziert werden. Ein Viertel der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen soll ökologisch bewirtschaftet werden und mindestens 10 % der EU-Landflächen sollen streng geschützt werden. Außerdem will die EU drei Milliarden Bäume pflanzen und mindestens 25.000 km der Fließgewässer in einen freien Flusslauf zurückführen. Es zeugt von Doppelmoral, dass die EU für ihren Außenhandel keine vergleichbaren Ziele vorsieht. EU-Handelsabkommen enthalten keinerlei Vorgaben, welche spezifischen Standards Agrarimporte erfüllen müssen beziehungsweise welche Umweltauflagen Exportländer bei der Produktion erfüllen sollen.

Damit der Green Deal seinem Namen gerecht wird, schlagen die Wissenschaftler deshalb einige Verbesserungen vor. So sollte die EU einheitliche und verbindliche Umweltstandards für hierzulande produzierte und importierte Agrargüter festlegen, die mit einem klaren Zertifizierungs- und Kennzeichnungssystem und Zollkontrollen durchzusetzen sind. Dadurch würde die EU einen Anreiz für externe landwirtschaftliche Produzenten schaffen, ihre Standards auf EU-Level anzuheben. Zusätzlich sollten die Auswirkungen des Agraraußenhandels auf die Nachhaltigkeit besser ausgewertet werden. Beispielsweise sollte die EU den Import von Bioenergie-Rohstoffen deutlich reduzieren oder sogar verbieten, weil sich gerade deren großflächiger Anbau sehr negativ auf die Umwelt auswirkt.

Weiter empfehlen die Wissenschaftler, dass die EU ihren globalen CO2-Fußabdruck ehrlicher bilanzieren sollte. Die Kohlenstoffbilanzierung im Rahmen des Pariser Klimaabkommens erfasst nämlich nur Emissionen, die innerhalb eines Landes erzeugt werden, nicht aber solche, die bei der Produktion von importierten Waren entstanden sind. Derzeit importiert jeder EU-Bürger etwa eine Tonne CO2 pro Jahr. Um diese „CO2-Importe“ zu reduzieren, könnten die EU-Bürger dazu ermutigt werden, weniger Fleisch- und Milchprodukte zu essen. Außerdem sollten wir die heimische landwirtschaftliche Produktion nachhaltig intensivieren, um uns unabhängiger von Agrarimporten zu machen. Geht es nach den Autoren, dann dürfen neue Technologien, wie beispielsweise das Genome Editing, dabei kein Tabu sein. Die nachhaltige Intensivierung der heimischen landwirtschaftlichen Produktion bei gleichzeitiger Reduzierung der Agrarimporte wird dazu beitragen, die EU-Landwirtschaft vor globalen Marktschwankungen, Lieferketten-Störungen und einigen Auswirkungen des Klimawandels zu schützen.

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.