Drohender russischer Gaslieferstopp würde die Lebensmittelversorgung in Deutschland massiv gefährden

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) wiederholt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass die Lebensmittelversorgung in Deutschland sichergestellt sei. So zuletzt auch in den „tagesthemen“ in der ARD. Dabei bezieht er sich wohlgemerkt ausschließlich auf den Selbstversorgungsgrad, d.h. die Relation zwischen Erzeugung und Verbrauch landwirtschaftlicher Produkte. Der Minister vergisst jedoch, dass Agrargüter zunächst verarbeitet werden müssen, bevor sie von uns verzehrt werden können. In diesem Beitrag werde ich zeigen, warum unsere Lebensmittelversorgung bei einem russischen Gaslieferstopp in Wirklichkeit hochgradig gefährdet wäre.

Der russische Präsident, Wladimir Putin, hat angekündigt, dass Öl und Gas als Reaktion auf die westlichen Sanktionen künftig nur noch gegen Bezahlung in Rubel nach Europa und Deutschland geliefert werden[1]. Weil Russland mit einem Anteil von 55 Prozent der mit Abstand größte Gaslieferant Deutschlands ist, warnt die getreideverarbeitende Wirtschaft bereits vor Versorgungsengpässen bei einem Lieferstopp. Wichtige Grundnahrungsmittel wie Haferflocken, Nudeln oder Müsli würden dann dauerhaft in den Regalen fehlen. Auch Verpackungen für Lebensmittel, die mit Stärke hergestellt werden, wären betroffen[2].

Spätestens seit 2018 wissen wir, dass diese Warnung nicht aus der Luft gegriffen ist. In einer Länder- und Ressortübergreifenden Krisenmanagementübung wurde eine fiktive Gasmangellage geprobt. Nach der Auswertung wurde deutlich, dass der großflächige Ausfall des Energieträgers Gas ein hohes Schadenspotenzial aufweist und drastische Auswirkungen auf das öffentliche Leben und die Versorgung hätte[3]. Die deutsche Ernährungswirtschaft (lebens- und futtermittelverarbeitende Unternehmen) decken rund 50 Prozent ihres Energiebedarfs durch Erdgas. In einzelnen Branchen wie Molkereien, Ölmühlen und Zuckerfabriken ist der Anteil sogar deutlich höher, Tendenz steigend. Das liegt vor allem an immissionsrechtlichen Auflagen und verschärften Anforderungen hinsichtlich des Ausstoßes von Treibhausgasen. Erdgas wird als Energieträger für thermische Produktionsprozesse sowie zur Erzeugung von Strom zur eigenen Versorgung des Betriebs eingesetzt. Soweit eine Umstellung von Gas auf Heizöl technisch vorbereitet ist, verfügen die Produktionsanlagen über eine Mineralölbevorratung, die aber i.d.R. nur für ein bis zwei Tage ausreicht. Jedoch verfügen nur noch wenige Betriebe über diese Möglichkeit.

In einer Gasmangellage wären relevante lebensmittelverarbeitende und -produzierende Gewerbebetriebe, wie beispielsweise Großbäckereien und Molkereien, von Versorgungsunterbrechungen betroffen. Bei einem Andauern der Krise würden diese Produktionsausfälle die Lebensmittelversorgung gefährden. Dies könnte gegebenenfalls zu kurzfristigen regionalen Engpässen bei Brot- und Milchprodukten führen. Außerdem wären auch Geflügelbetriebe und Schlachthöfe betroffen, weil ihnen mit Ausfall der Gasversorgung die Prozesswärme fehlen würde. Genaue Zahlen zu den zu erwartenden volkswirtschaftlichen Schäden oder der Dauer bis zur Erschöpfung des Lagerbestandes an Lebens- bzw. Futtermitteln bei einer Einstellung der Gasversorgung sind bislang vollständig unbekannt[4].

Die Lage ist so ernst, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) am Mittwoch (30. März) die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas ausgerufen hat. Bei einem abrupten Gaslieferstopp dürfte das Gas nicht mehr für alle Nutzer aus Wirtschaft und Privathaushalten ausreichen. In so einem Fall würde der Staat den Wirtschaftsbranchen den Gashahn in einer bestimmten Reihenfolge zudrehen. Zuerst dürfte es die Industrie treffen, wozu auch die Ernährungswirtschaft gehört. Inzwischen werden erste Forderungen laut, dass die gesamte Lebensmittelbranche im Notfall weiter beliefert werden soll. Dazu bedarf es jedoch zunächst einer Änderung im Energiewirtschaftsgesetz.

Hoffen wir also, dass die Gasversorgung stabil bleibt. Andernfalls wäre die Lebensmittelversorgung in Deutschland massiv gefährdet.


[1] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/gaslieferungen-rubel-russland-101.html

[2] https://deu01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fm.faz.net%2Faktuell%2Fwirtschaft%2Fgetreideverband-warnt-vor-leeren-regalen-bei-gas-lieferstopp-17924028.html%3FGEPC%3Ds6%26fbclid%3DIwAR0ys0FVTR9rIcopSCaFtZLH48hGURvPR_dx-KkXTkDmVwmX0CJBnz8HGUM&data=04%7C01%7CNiklas.frohn%40afdbundestag.de%7C25ca928483dc42424a1408da133c220e%7Cd2b98f0dc7bc458183d9111c74ce7be6%7C0%7C0%7C637843446233728220%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJWIjoiMC4wLjAwMDAiLCJQIjoiV2luMzIiLCJBTiI6Ik1haWwiLCJXVCI6Mn0%3D%7C3000&sdata=Drh1K0SyiCxYihlHZTQUH89j5sD805sqfP0nQkhhlbE%3D&reserved=0

[3] https://www.bbk.bund.de/DE/Themen/Krisenmanagement/LUEKEX/_documents/art-luekex18.html

[4] https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Mediathek/Publikationen/LUEKEX/luekex18-auswertungsbericht.pdf?__blob=publicationFile&v=5

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

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