Die Sache mit dem Fleisch…

Kein Thema wird derzeit so hitzig diskutiert wie die Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche. Bereits im kommenden Monat will Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ein Gesetz zum Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie vorlegen. Dabei ist die Thematik nicht neu, sondern seit Jahren bekannt. Die Werkverträge in der Fleischindustrie sind nur die Spitze des Eisbergs. Kann ein Verbot der Werkverträge überhaupt etwas an den Arbeitsbedingungen ändern oder wird das zum Abwandern der Fleischbranche ins europäische Ausland führen? Und wie steht es eigentlich um den Selbstversorgungsgrad von Fleisch in Deutschland?

Die Zentralisierung der Fleischbranche war politisch gewollt

Die seit Jahren zunehmende Konzentration in der Schlachtbranche ist ein hausgemachtes Problem. Seit 2004 gelten einheitliche EU-Hygieneverordnungen für die Erzeugung tierischer Lebensmittel und seit 2009 für den Tierschutz bei Transport und Schlachtung, durch die den Schlachtereien übermäßig hohe bürokratische Hürden auferlegt wurden[1]. Seitdem sind alle Schlachtereien verpflichtet, strenge Zulassungsvorschriften zu erfüllen, wie beispielsweise die Einrichtung von drei verschieden Räumen für das Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten. Weil die Investitionskosten für die Erfüllung der strengen Zulassungsvoraussetzungen für die meisten kleineren Betriebe einfach viel zu hoch waren, mussten viele das Schlachten ganz aufgeben.

„Ich bin der Auffassung, dass wir künftig wieder mehr dezentrale Betriebe brauchen, und es sie auch geben wird“

BMin Julia Klöckner
https://presse-augsburg.de/landwirtschaftsministerin-will-mehr-dezentrale-schlachtbetriebe/563839/

Für die kleineren Schlachtereien ist es ohnehin kaum möglich, mit den Wettbewerbsvorteilen der Großbetriebe mitzuhalten, da sie die gleichen umfangreichen Dokumentationspflichten und den gleichen hohen bürokratischen Aufwand erfüllen müssen. Dazu kommen die niedrigen Schlacht- und Fleischbeschaukosten der Großbetriebe. Kein Wunder also, dass es nur noch etwa 376 gewerbliche Schlachtbetriebe mit mehr als 20 Beschäftigten und 1.105 Fleischverarbeitungsbetriebe in Deutschland gibt[2]. Mehr als 70 Prozent der etwa 11.917 (-23% seit 2010) eigenständigen Meisterbetriebe im Fleischerhandwerk schlachten nicht mehr selbst, sondern kaufen bei Großhandel und Schlachtunternehmen ein[3][4]. Für den regionalen Aspekt ist das natürlich eine Katastrophe. Fleischer und Landwirte, die direkt vermarkten wollen, finden kaum noch regionale Schlachtstätten. Es ist schon lange keine Seltenheit mehr, dass die meisten Tiere bis zum nächstgelegenen Schlachthof sehr lange Transportwege zurücklegen müssen.

Beschäftigungslage in der Branche

In den knapp 1.400 Schlacht- und Fleischverarbeitungsbetrieben mit über 20 Beschäftigen sind fast 128.000 Mitarbeiter tätig. Davon sind knapp 40.000 Mitarbeiter (rund 45%) im Schlachtbereich beschäftigt[5]. Die tatsächlichen Arbeitsverhältnisse und die hohe Fluktuation machen präzise Angaben zur Art der Beschäftigung (z.B. Leiharbeit und Werkverträgen) jedoch schwierig. Weil die Arbeitsbelastung sehr hoch ist (u.a. Schichtarbeit, Hitze, Lärm, hohe Luftfeuchtigkeit, Kunstlicht und taktgebende Bandarbeiten) und der Durchschnittslohn weit unter dem Durchschnitt der Nahrungs- u. Genussmittelindustrie liegt, ist die Branche wenig attraktiv für Nachwuchskräfte beziehungsweise Auszubildende. Die günstigen Löhne haben sehr viel mit dem enormen Kostendruck in der Branche und der EU-Richtlinie zur grenzüberschreitenden Entsendung von Arbeitnehmern zu tun[6].

„Die Coronakrise wirkt in der Schlachtbranche wie in vielen anderen Bereichen als Brennglas“, so Klöckner. Momentan herrsche durch das Delegieren auf Subunternehmer „in weiten Teilen organisierte Verantwortungslosigkeit – zu Lasten der Beschäftigten“

BMin Julia Klöckner
https://presse-augsburg.de/landwirtschaftsministerin-will-mehr-dezentrale-schlachtbetriebe/563839/

Hoher Kostendruck und Werkverträge

Weil der Lebensmitteleinzelhandel als Hauptabsatzkanal eine große Verhandlungsmacht hat, sind die Schlachtbetrieben einem sehr hohen Preis- und Kostendruck ausgesetzt. Um bei offenen Handelsgrenzen wettbewerbsfähig produzieren zu können, müssen die Erzeugerpreise auf Weltmarktniveau liegen. Viele Schlachtbetriebe setzen deshalb auf Größenwachstum und Stückkostendegression. Sehr oft werden auch Werkverträge missbräuchlich eingesetzt, um die deutschen Tarif- und Sozialstandards zu unterlaufen und die Lohnkosten zu drücken. So hat sich beispielsweise der Ausländeranteil in der Fleischbranche seit 2008 verdreifacht. In der Regel handelt es sich dabei um Osteuropäer, deren Löhne deutlich unter denen ihrer deutschen Kollegen liegen[7].

https://de.statista.com/infografik/22039/beschaeftigte-im-wirtschaftszweig-schlachten-und-fleischverarbeitung-in-deutschland

Ein Verbot dieser Werkvertragspraxis, wie es derzeit von der Politik geplant wird, ändert jedoch nicht zwangsläufig etwas an den in der Kritik stehenden Arbeitsbedingungen. Für die anstrengenden Tätigkeiten in der Schlachtbranche lassen sich, ähnlich wie bei den Saisonarbeitskräften in der Landwirtschaft, einfach keine deutschen Arbeitskräfte finden. Ein Verbot der Werkverträge in der Fleischbranche könnte deshalb dazu führen, dass große Teile der Tierhaltung, Schlachtung und Veredlung ins europäische Ausland abwandern[8].

Import/Export

Deutschland hat nur bei Schweinefleisch (120,1%) und bei Innereien (1.081,8%) einen Selbstversorgungsgrad von über 100 Prozent. Betrachten wir die Bilanzen:

Schweinefleisch

  • Selbstversorgungsgrad: 120,1%
  • Bruttoeigenerzeugung: 4,7 Millionen Tonnen
  • Verbrauch: 3,9 Millionen Tonnen
  • Import: 1,1 Millionen Tonnen
  • Export: 2,4 Millionen Tonnen

Der hohe Import trotz hoher Bruttoeigenerzeugung resultiert daraus, dass in Deutschland hauptsächlich sogenannte „Edelteile“ verzehrt werden. Die hauptsächlichen Herkunftsländer der Schweinefleischimporte sind Dänemark (33% der Gesamtimporte), Belgien (27%) und die Niederlande (13%) Seit 2005 ist Deutschland Nettoexporteur von Schweinefleisch und neben den USA sowie Spanien einer der weltweit größten Schweinefleischexporteure[9]. Trotzdem scheint es trotz hoher Exporte nicht ohne Importe zu gehen.

Rind- und Kalbfleisch

  • Selbstversorgungsgrad: 97,1%
  • Bruttoeigenerzeugung: 1,18 Millionen Tonnen
  • Verbrauch: 1,2 Millionen Tonnen
  • Import: 501.000 Tonnen
  • Export: 423.000 Tonnen

Die Rindfleischimporte begründen sich zum einen aus den EU-Importquoten für hochwertiges Rindfleisch (hochpreisige Teilstücke), z.B. aus Brasilien und Uruguay, aber auch aus dem Intra-EU-Handel. So wird zum Beispiel aufgrund unterschiedlicher Konsumgewohnheiten Jungbullenfleisch aus Frankreich nach Deutschland eingeführt und Kuhfleisch nach Frankreich ausgeführt. Mengenmäßig ist Deutschland zum Nettoimporteur von Rindfleisch geworden. Wertmäßig liegen die Rindfleischimporte deutlich über den Rindfleischexporten, da gemessen an der Teilstückqualität höherwertigeres Rindfleisch ein- als ausgeführt wird[10].

Geflügelfleisch

  • Selbstversorgungsgrad: 94,9%
  • Bruttoeigenerzeugung: 1,83 Millionen Tonnen
  • Verbrauch: 1,93 Millionen Tonnen
  • Import: 1 Millionen Tonnen
  • Export: 676.000 Tonnen

Deutschland ist nach wie vor ein Nettoimporteur von Geflügelfleisch. Der größte Teil der Geflügelfleischexporte geht in die EU, insbesondere die Niederlande. Etwa 92 Prozent des importierten Geflügelfleischs stammt aus dem EU-Binnenmarkt. Hauptherkünfte für Geflügelfleischimporte waren die Niederlande (32% der Gesamtimporte), Polen (25%), Frankreich (8%), Belgien/Luxemburg (6%) und Italien (5%). Drittländer spielen bei den Importen eine geringere Rolle[11].

Schaf- und Ziegenfleisch

  • Selbstversorgungsgrad: 38%
  • Bruttoeigenerzeugung: 29.900 Tonnen
  • Verbrauch: 78.700 Tonnen
  • Import: 53.600 Tonnen
  • Export: 7.900 Tonnen

Die Produktion und der Verbrauch von Schaf- und Ziegenfleisch haben in Deutschland im Vergleich zu den anderen Fleischarten eine deutlich geringere Bedeutung[12].

Mein persönliches Fazit

Ich komme zu drei Feststellungen:

  1. Die EU und Bund sind Hauptverantwortlich für die zunehmende Konzentration in der Fleischbranche. Mehr Regionalität und kürzere Tiertransporte sind im derzeitigen System nicht möglich. Damit mittel- bis langfristig eine Dezentralisierung der Schlachtbetriebe überhaupt in den Bereich des Möglichen rücken kann, müssen die jeweiligen EU-Hygieneverordnungen stark dereguliert und entbürokratisiert werden.
  2. Die Produktion für den Massen- und Weltmarkt unterliegt einem starken Kostendruck. Die EU-Richtlinie zur grenzüberschreitenden Entsendung von Arbeitnehmern hat es den großen Schlachtbetrieben ermöglicht, Billigarbeitskräfte aus Osteuropa zu gewinnen, um diesem Kostendruck begegnen zu können. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Weil die Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche alles andere als attraktiv sind, ist es fast unmöglich, genügend deutsche Arbeitskräfte zu gewinnen. Ein Verbot der Werkverträge könnte dazu führe, dass große Teile der Tierhaltung, Schlachtung und Veredlung ins europäische Ausland abwandern.
  3. Die Abwanderung der Fleischbranche ins (europäische) Ausland muss unbedingt verhindert werden. Bis auf Schweinefleisch und Innereien, ist Deutschland Nettoimporteur bei Fleisch. Jede weitere Verringerung des eigenen Selbstversorgungsgrads führt zu weiteren Importabhängigkeiten. Damit würden wir auch die Kontrolle über die Tierschutzstandards verlieren.

Ich betrachte die zunehmende Konzentration in der Fleischbranche sehr kritisch. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass dieser Zustand politisch gewollt und gefördert wurde. Wenn man an der Ist-Situation nachhaltig etwas ändern möchte, dann braucht es mehr als Reparatur- und Verbotspolitik. Eine starke Förderpolitik und Entbürokratisierung der rechtlichen Rahmenbedingungen sind notwendig, wenn die Fleischbranche künftig wieder dezentraler sein soll. Das allein wird bei offenen Handelsgrenzen zwar nicht ausreichen, da der Endverbraucher entscheidet, welches Stück Fleisch er kauft. Aber es wäre ein erster wichtiger Schritt. Wie bewertet ihr die Situation?


[1] Rückert-John, J. & Kröger, M., 2019, Fleisch: Vom Wohlstandssymbol zur Gefahr für die Zukunft. Nomos: Baden-Baden

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/254824/umfrage/betriebe-in-schlachtung-und-fleischverarbeitung-in-deutschland-nach-segmenten/

[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/310568/umfrage/anzahl-der-betriebe-im-fleischerhandwerk-in-deutschland/

[4] http://www.ekoconnect.org/tl_files/eko/p/Projekte/Wissenstransfer_Oeko_Rinderhaltung/Praesentation_Vlhf.pdf

[5] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/458903/umfrage/beschaeftigte-im-fleischverarbeitungsgewerbe-in-deutschland-nach-segmenten/

[6] https://www.mitbestimmung.de/assets/downloads/Branchenmonitor_Schlachten_und_Fleischverarbeitung.pdf

[7] https://www.mitbestimmung.de/assets/downloads/Branchenmonitor_Schlachten_und_Fleischverarbeitung.pdf

[8] https://www.tagesschau.de/inland/debatte-fleischindustrie-101.html

[9] https://www.thuenen.de/media/ti-themenfelder/Nutztierhaltung_und_Aquakultur/Haltungsverfahren_in_Deutschland/Schweinehaltung/Steckbrief_Schweine2019.pdf

[10] https://www.thuenen.de/media/ti-themenfelder/Nutztierhaltung_und_Aquakultur/Haltungsverfahren_in_Deutschland/Rindermast/Steckbrief_Mastrinder_2019.pdf

[11] https://www.thuenen.de/media/ti-themenfelder/Nutztierhaltung_und_Aquakultur/Haltungsverfahren_in_Deutschland/Mastgefluegel/Steckbrief_Mastgefluegel_2019.pdf

[12] https://www.thuenen.de/de/thema/nutztiershyhaltung-und-aquakultur/nutztierhaltung-und-fleischproduktion-in-deutschland/

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

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