Das leidige Thema Milch – Ist es möglich die Milchpreise zu stabilisieren?

Die Milcherzeugung ist mit rund 9 Milliarden Euro Nettowertschöpfung der bedeutendste Sektor in der deutschen Landwirtschaft. Seit Jahren werden die Kosten der Milcherzeugung nicht durch die Preise gedeckt. Milchbauern erhalten pro Liter Milch knapp 10 Cent weniger, als zur Kostendeckung nötig wären. Der niedrige Erzeugerpreis setzt vor allem die kleineren Betriebe sehr stark unter Druck. Sie erwirtschaften Verluste und sind dadurch in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Nach dem Prinzip „Wachse oder Weiche“ nimmt deshalb seit Jahren der Strukturwandel bei den Milcherzeugern stark zu. Die Zahl der Milchkühe pro Betrieb nimmt zu, während gleichzeitig immer mehr Betriebe die Milchviehhaltung komplett aufgeben. Um dieser schwierigen wirtschaftlichen Situation entgegenzusteuern, wird sehr oft der Milchpreis ins Zentrum der Politikdebatte gerückt. Dabei verschwimmen die Forderungen und es bleibt unklar, ob es um eine Milchpreisstabilisierung oder um eine Erhöhung des Milchpreisniveaus gehen soll. Im Folgenden Beitrag möchte ich auf potentielle Möglichkeiten eingehen, wie der Milchpreis mittel- bis langfristig stabilisiert werden könnten.

Preis als Marktsteuerungsinstrument

Auf einem funktionierenden Markt ist der Preis ein Ausdruck der Versorgungslage. Befinden sich Angebot und Nachfrage im Ungleichgewicht, beispielsweise durch eine zu starke Ausweitung des Angebots oder durch einen Rückgang der Nachfrage, dann entsteht eine Marktkrise. In einem funktionierenden Markt sorgen steigende oder fallende Preise dann dafür, dass sich Angebot und Nachfrage wieder annähern. Auf dem Milchmarkt gibt es leider in immer kürzeren Abständen sehr große Preisausschläge, die für die Milcherzeuger teilweise zu existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen führen. Aus diesem Grund wäre es zielführend, den Milchpreis nachhaltig zu stabilisieren, um das Ausmaß der Preisausschläge zu begrenzen. Hierbei ist wichtig zu betonen, dass es sich bei einer Preisstabilisierung ausdrücklich nicht um einePreisfixierung handelt. Eine Preisfixierung stände im Widerspruch zur angesprochenen Marktsteuerung durch den Preis.

Es ist wichtig zu wissen, dass es Milchmarkt ein träges Angebot gibt. Das bedeutet, dass sich das Milchangebot aufgrund des Produktionsverfahrens nur verzögert an veränderte Marktsituationen anpassen lässt. Es ist nicht möglich die Milchmenge beliebig an- und auszuschalten. Größere Mengenreduzierungen würden sich, wenn überhaupt, nur über die Schlachtung von Tieren erzielen, was weder ethisch noch betriebswirtschaftlich zu rechtfertigen wäre. Dazu kommt, dass die Nachfrage nach Milch und Milchprodukten in Deutschland preissensitiv ist. Also je größer der Preisanstieg, desto größer der Nachfragerückgang. Und schließlich bestimmt eine Reihe von externen Effekten, wie beispielsweise das Wetter, Finanzkrisen, Handelshemnisse o.ä., das Marktgeschehen.

Stabilisierung der Milchpreise

In einem Beitrag des Thünen-Instituts, „Stabile und hohe Milchpreise?! – Optionen für eine Beeinflussung der Milchpreise“, werden drei Maßnahmen genannt, mit welchen die Stabilisierung der Milchpreise beziehungsweise eine Sicherung der Liquidität in Deutschland wirksam erzeugt werden könnten.

1. Bessere Weitergabe von Marktsignalen

Je frühzeitiger und je besser die Marktsignale über Preisänderungen transportiert werden, desto besser funktioniert die Marktanpassung von Angebot und Nachfrage. In Deutschland weisen die veröffentlichten Erzeugerpreise jedoch einen Zeitverzug von bis zu mehreren Monaten auf und geben leider nicht die aktuelle Marktentwicklung wieder. Das ist ein großes Problem und begründet sich in erster Linie aus dem Verfahren, mit welchem die Erzeugerpreise in Deutschland ermittelt werden.

In Deutschland werden etwa 70 Prozent der Rohmilch von genossenschaftlich organisierten Unternehmen verarbeitet. Deren Preissetzung beeinflusst das Marktgeschehen erheblich. Die Wertermittlung der Rohmilch geschieht bei diesen genossenschaftlich organisierten Milchverarbeitern rückwärtsgewandt. Das bedeutet, dass die Rohmilch angeliefert, verarbeitet und anschließend verkauft wird. Erst am Ende wird dann an Hand des Verkaufserlöses der verarbeiteten Milchprodukte der Wert der eingesetzten Rohmilch ermittelt. Ein Milchbauer weiß also zum Zeitpunkt der Anlieferung noch nicht, wieviel Geld er für seine angelieferte Rohmilch bekommt.

Die privaten Milchverarbeiter hingegen verwenden oft Vergleichspreise. Dabei wird von einer vorher definierten Gruppe anderer Milchverarbeiter aus der umliegenden Region ein Durchschnittswert der Erzeugerpreise gebildet. Nicht selten wird dieser Vergleichspreis noch mit bestimmten Zuschlägen/Boni ergänzt. Wenn diese Vergleichspreise allerdings auch Erzeugerpreise von genossenschaftlichen Milchverarbeitern enthalten, dann wären diese leider auch zeitverzerrt. Außerdem fließen Preisinformationen zusammen, die aus den unterschiedlichen Produktlinien, wie beispielsweise Butter, Trinkmilch oder Käse, stammen, wodurch die Erzeugerpreise unterschiedlichen Marktentwicklungen der jeweiligen Marktsegmente zu Grunde liegen können.

Eine weitere Zeitverzögerung der Marktsignale entsteht genossenschaftlichen und privaten Milchverarbeitern durch mehrmals im Jahr geführten Listungsgespräche zwischen den Milchverarbeitern und den Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels, in denen für einen bestimmten Zeitraum Menge und Preise der jeweiligen Milchproduktgruppe vereinbart werden. Durch diese temporäre Preisfixierung können Marktentwicklungen nicht kontinuierlich in Preisänderungen abgebildet werden. Für die genossenschaftlichen Milchverarbeiter mit der rückwärtsgerichteten Wertermittlung führen diese Listungsgespräche zu einer weiteren Zeitverzögerung und die Erzeugerpreise werden zusätzlich von der Signalwirkung der Marktpreise entkoppelt.

Das Thünen-Institut schlägt deshalb vor, dass die Wertermittlung für Rohmilch in Deutschland, sprich die rückwärtsgerichtete Wertermittlung und die Vergleichspreise, grundlegend geändert werden müsste. Bestmöglich sollte das neue Wertermittlungssystem so flexibel gestaltet sein, dass sich Marktentwicklungen zeitnah wiederspiegeln können und Zeitverzögerungen so minimal wie möglich sind. So könnte es gelingen, dass Milcherzeuger marktgerechte Produktionsentscheidungen treffen und ihre Milcherzeugung eigenverantwortlich an die Markterfordernisse anpassen und Überschüsse vermeiden können.

2. Bessere/flexiblere Steuerung des Rohmilchangebotes

In Deutschland wird mehr Milch produziert als nachgefragt. Das ist an sich nicht schlimm, solange der Export funktioniert. Kommt es jedoch zu einer Milchmarktkrise, dann bricht die Nachfrage auf den wichtigen Exportmärkten weg und der Druck am heimischen Markt erhöht sich durch die überschüssigen Milchmengen. In einer solchen Krise ist es sinnvoll, das Rohmilchangebot an die Marktbedürfnisse anzupassen, sprich die Milchübermengen rechtzeitig einzudämmen, statt diese zu produzieren und dann in die Private Lagerhaltung (PLH) und staatliche Intervention einzulagern. Dafür ist, neben der in Punkt (1) angesprochenen besseren Weitergabe von Marktsignalen, ein marktangepasstes Lieferverhalten der Milcherzeuger wichtig. Dieser flexiblen Steuerung des Rohmilchangebots steht jedoch das historisch bedingte System von Andienungspflicht und Abnahmegarantie bei genossenschaftlich organisierten Milchverarbeitern entgegen, welches noch heute für einen Großteil der erzeugten Rohmilchmenge gilt.

Die Andienungspflicht beinhaltet, dass ein Milcherzeuger seine gesamte Rohmilch ausschließlich an die Genossenschaft liefern muss, deren Mitglied er ist. Im Gegenzug wird ihm durch die Abnahmegarantie garantiert, dass seine Genossenschaft alle von ihm erzeugte Milch abnehmen muss. Zu Zeiten eines stark administrierten Milchmarktes (staatliche Milchquote) war dieses System mit Andienungspflicht und Abnahmegarantie für beide Seiten von Vorteil. In einem liberalisierten Marktumfeld mit multinationalen Unternehmen und globalen Milchströmen ist dieses System jedoch nicht in der Lage, eine flexible und kurzfristige Steuerung der Milchverarbeitung, die insbesondere in Milchmarktkrisen notwendig wäre, vorzunehmen. Im Gegenteil werden durch die vollständige Andienungspflicht bei gleichzeitiger Abnahmegarantie Überproduktion und niedrige Preise begünstigt, was insbesondere während einer Milchmarktkrise zu einer weiteren Verstärkung der Krise führt und die Milcherzeuger massiv belastet.

Genossenschaftliche Milchverarbeiter und Genossenschaftsmitglieder sollten sich deshalb die Frage stellen, ob das bisherige Genossenschaftsmodell noch zukunftsfähig ist oder ob Anpassungen daran vorgenommen werden sollten. Für die zeitgemäße Anpassung der Abnahmegarantie an die individuellen Bedürfnisse der Marktpartner führt das Thünen-Institut drei Maßnahmen an:

a) Angebotssteuerung über Preise:

Es wird ein Garantiepreis für eine definierte Rohmilchmenge vereinbart. Der Garantiepreis könnte pro-aktiv von den Unternehmen in Erwartung der zukünftigen Marktentwicklung gesetzt werden und somit das Angebot stimulieren oder hemmen. Damit könnte der Preis wieder seine Funktion als Marktsignal ausüben. Für Rohmilchlieferungen, die darüber hinausgehen, könnte z. B. der Spotmarktpreis angewendet werden. Damit wäre gewährleistet, dass betriebsindividuelle Entscheidungen einzelner Milcherzeuger nicht zu Lasten der Gesamtheit aller Genossenschaftsmitglieder gingen.

b) Lieferverträge mit fixierter Anlieferungsmenge:

Die Molkerei vereinbart mit dem Milcherzeuger eine Anlieferungsmenge. Für darüberhinausgehende Anlieferungen müssten gesonderte, neue Absprachen, insbesondere für den Preis, zwischen den Beteiligten getroffen werden.

c) Unternehmensquote:

Basierend auf einer Vergleichsperiode erhält jedes Genossenschaftsmitglied eine historische Lieferquote. Eine Überlieferung würde mit einem Abzug geahndet. Mögliche Unterlieferungen könnten mit einem Zuschlag belohnt werden. Um ein einzelbetriebliches Wachstum der Genossenschaftsmitglieder zu ermöglichen, sollte die Quote unter den Mitgliedern handelbar sein und einen Wachstumskoeffizienten beinhalten.

3. Preisrisikomanagement

Neben der besseren Weitergabe von Marktsignalen und einer Optimierung der Steuerung des Rohmilchangebotes schlägt das Thünen-Institut als dritte Maßnahme ein ausgewogenes betriebliches Risikomanagement vor. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass das Preisrisiko in der Wertschöpfungskette Milch nicht gleich verteilt ist. Vor allem die rückwärtsgewandte Wertermittlung der angelieferten Rohmilch bei genossenschaftlich organisierten Milchverarbeitern führt dazu, dass die Marktrisiken komplett auf die Milcherzeuger abgewälzt werden. Es bleibt den Mitgliedern der Genossenschaft überlassen, diesen Punkt zu überdenken und, wenn erforderlich, entsprechende Veränderungen in ihren Unternehmen in die Wege zu leiten.

Grundsätzlich ist der Umgang mit Preisrisiken eine betriebsindividuelle Herausforderung, für die auch betriebsindividuelle Lösungsansätze ausgearbeitet werden müssen. Ein Patentrezept gibt es daher nicht. Ein ausgewogenes Risikomanagement sollte aus mehreren Bausteinen zusammengesetzt sein, welche dem eigenen Unternehmen am besten gerecht werden. Zu überlegen wäre jedoch, ob bestimmte Bausteine staatlich gefördert werden könnten.

Die angeführten Risikomanagementinstrumente können dem Milcherzeuger dabei helfen, die Folgen einer Milchmarktkrise abzumildern. Nicht mehr und nicht weniger. Deshalb ist es wichtig, dass Milchmarktkrisen auch aktiv begegnet werden kann.

Mein persönliches Fazit

Grundsätzlich liefern Preise mit ihrer Signalfunktion Hinweise für den Versorgungszustand eines Marktes. Es sollte daher prinzipiell den Marktkräften überlassen werden, Märkte zu steuern. Die extremen Preisausschläge in Milchmarktkrisen können zu existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen bei den Milcherzeugern führen. Um großen Preisschwankungen und Milchmarktkrisen aktiv zu begegnen und die Milchpreise zu stabilisieren, sollten die Marktsignale über Preisänderungen besser transportiert werden, damit die Milcherzeuger frühzeitig marktgerechte Produktionsentscheidungen treffen können und ihre Milcherzeugung eigenverantwortlich an die Markterfordernisse anpassen können.

Weil insbesondere das veraltete System von genossenschaftlich organisierten Milchverarbeitern und Milcherzeugern mit Andienungspflicht und Abnahmegarantie sowie der rückwärtsgewandten Wertermittlung der angelieferten Rohmilch, einer besseren Weitergabe von Marktsignalen über Preisänderungen und einer flexibleren Steuerung des Rohmilchangebots entgegenstehen, sollten die Genossenschaftsmitglieder aus Eigeninteresse darüber nachdenken, ob dieses System in der Form noch zukunftsfähig ist. Insbesondere die genossenschaftlich organisierten Milcherzeuger könnten durch eine „Reform“ die gleichmäßigere Verteilung des Preisrisikos erzielen.

Um eine flächendeckende Milcherzeugung zu erhalten und eine Konzentration auf wenige europäische Regionen zu verhindern, benötigen wir definitiv einen kostendeckenden Milchpreis. Der Zustand, dass die Milcherzeuger mit jedem Liter Milch derzeit knapp 10 Cent verlieren ist nicht tragbar. Die hier wiedergegeben Vorschläge des Thünen-Instituts sind zwar nicht geeignet, um diese Vollkostendeckung zu erzielen, können aber immerhin für eine Preisstabilität sorgen und dadurch die Krisenfestigkeit der Betriebe erhöhen. Europäische Milchbauern und die flächendeckende Milchviehhaltung sind nicht nur für die Erzeugung von hochqualitativen Milchprodukten wichtig, sondern leisten auch wertvolle Beiträge für die Landschaftsvielfalt und den Erhalt der biologischen Vielfalt.

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

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