Das Agrarpaket – Teil 2: Staatliches Tierwohlkennzeichen für Schweine

Nachdem ich in Teil 1 auf die Anhebung des Umschichtungssatzes von der Ersten in die Zweite Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) von derzeit 4,5 Prozent auf 6 Prozent für das Jahr 2020 eingegangen bin, werde ich in diesem zweiten Teil auf die geplante Einführung und Verwendung eines staatlichen Tierwohlkennzeichens näher eingehen, welches ebenfalls Teil des Agrarpakets ist.

Was ist geplant?

Die Bundesregierung plant derzeit die Einführung einer freiwilligen, staatlichen Kennzeichnung von Lebensmitteln tierischer Herkunft, bei deren Erzeugung höhere als die gesetzlichen Mindeststandards eingehalten wurden. Das staatliche Tierwohlkennzeichen soll dreistufig angelegt werden und über eine reine Haltungskennzeichnung hinausgehen, also auch Kriterien für Transport und Schlachtung umfassen. Es soll den Verbrauchern mehr Orientierung und Transparenz ermöglichen. Geplant ist, dass ab 2020 die ersten gekennzeichneten Produkte auf den Markt kommen. Der Bundeshaushalt sieht für diese Legislaturperiode stolze 70 Millionen Euro für Marketingmaßnahmen zur Einführung der Tierwohlkennzeichnung vor. Zunächst ist das Kennzeichnen nur für Schweine vorgesehen, es soll später aber auch auf andere Nutztierarten ausgeweitet werden können.

Was will der Verbraucher?

Umfragen zeigen, dass 87 Prozent der Verbraucher mehr Tierwohl wollen. Etwa 88 Prozent wären bereit, mehr Geld für Lebensmittel zu bezahlen, wenn die Tiere besser gehalten werden[1]. Jedoch dürfen die Ergebnisse solcher Umfragen keineswegs überschätzt werden, denn Themen des Umwelt- und Tierschutzes sind hoch im Bewusstsein der Bürger verankert. Eine Studie der Hochschule Osnabrück kam jüngst zu dem Ergebnis, dass die Zahlungsbereitschaft deutscher Verbraucher für Tierwohlprodukte stark überschätzt wird. Im Praxistest zeigten nur 16 Prozent der Kunden überhaupt Interesse an Tierwohlprodukten vom Schwein im mittleren Preissegment. Akzeptiert wurden dabei nur Preisaufschläge von 30 Cent pro Artikel, was in etwa einer Preiserhöhung von 9 bis 13 Prozent entspricht[2].

Privatwirtschaftliche Label

Mittlerweile hat sich eine ganze Reihe von privatwirtschaftlichen Tierwohlkennzeichnungen am Markt etabliert, wie beispielsweise die „Initiative Tierwohl“ (ITW), „Neuland“, „Für mehr Tierschutz“ oder „Tierschutz-kontrolliert“. Darüber hinaus kennzeichnen die Lebensmitteleinzelhändler Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto Markendiscount, Penny und Rewe seit diesem Jahr ihr Schweine-, Rinder- und Geflügelfleisch nach einem einheitlichen Muster unter dem Begriff „Haltungsform“. Dieses Haltungskennzeichen besteht aus vier Stufen und ordnet bestehende Qualitäts-, Tierwohl- und Biosiegel für Schweine, Geflügel und Rinder in diese Stufen ein.

Kritik am Label kommt aus den eigenen Reihen

Kritik an der Freiwilligkeit des Tierwohlkennzeichens kommt von SPD und CSU, die beide eine verpflichtende Haltungs- und Herkunftskennzeichnung fordern.

„Wenn wir ein Label haben, das nur freiwillig ist, hilft das nicht weiter“.

CDU Vize-Parteichefin Silvia Breher

Immerhin kann sich die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) darüber freuen, dass der Bundesrat seine Bedenken für eine freiwillige Kennzeichnung aufgegeben hat[3].

Mein persönliches Fazit

Anders als bei den privatwirtschaftlichen Kennzeichen, kann das staatliche Tierwohlkennzeichnung den teilnehmenden Landwirten nicht garantieren, dass die Mehrkosten für die verbesserten Haltungsbedingungen neutralisiert werden können. Für die Teilnahme am Kennzeichen sind hohe Investitionen in neue Tierhaltungsanlagen beziehungsweise in den Umbau bestehender Tierhaltungsanlagen nötig. Der Tierhalter geht also mit einer Teilnahme am Kennzeichnungssystem ein hohes finanzielles Risiko ein, ohne Absatzsicherheit für seine Produkte zu erhalten und hat dadurch keinerlei Planungs- und Investitionssicherheit. Experten gehen von einer Preissteigerung von 20 Prozent für die Eingangsstufe des staatlichen Tierwohlkennzeichens aus. Erfahrungen zeigen, dass hochpreisige Fleischwaren eher zurückhaltenden Absatz finden. Was passiert also mit dem Landwirt, wenn die Verbraucher diese 20 Prozent Mehrpreis nicht zahlen wollen oder können?


[1] BMEL – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2017): Deutschland, wie es isst – Der BMEL-Ernährungsreport 2017. Zuletzt abgerufen am 18.06.2018, https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Broschueren/Ernaehrungsreport2017.pdf?__blob=publicationFile

[2] Enneking, U. & Kleine-Kalmer, R. & Dauermann, A. & Voigt, R. (2019): Kaufbereitschaft bei verpackten Schweinefleischprodukten im Lebensmitteleinzelhandel – Realexperiment und Kassenzonen-Befragung. Bereich Agrar- und Lebensmittelmarketing Hochschule Osnabrück

[3] https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/bundeslaender-geben-widerstand-gegen-freiwilliges-tierwohllabel-auf-11889225.html

Agropolit-X - Kritische Kommentare zur Agrarpolitik

2 Antworten auf „Das Agrarpaket – Teil 2: Staatliches Tierwohlkennzeichen für Schweine“

  1. Hallo Niklas,

    Du schreibst klar und verständlich. Deine beiden ersten Kommentare machen neugierig auf mehr. Bin gespannt, ob Du diese Erwartungen erfüllen kannst. Ich hoffe das sehr und drücke Dir dafür die Daumen.

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